Wie unser Zustand beeinflusst, wie wir uns selbst sehen

Sep., 2026 | Selbstregulation

Serie: Zustände verstehen | Teil 11 

Zustände beeinflussen, wie wir denken, fühlen, entscheiden und handeln. 

Sie prägen, wie wir uns selbst erleben, wie wir andere Menschen wahrnehmen und welche Möglichkeiten wir in einer Situation sehen. 

Trotzdem sprechen wir im Alltag selten über Zustände. Häufig bemerken wir erst ihre Auswirkungen. 

In dieser Serie geht es darum, Zustände besser zu verstehen und ihren Einfluss auf Selbstregulation, Self-Leadership und Imposter-Erleben zu erkunden. 

Wenn du plötzlich glaubst: So bin ich 

Vielleicht kennst du solche Momente. 

Du bist in einem schwierigen Gespräch sehr angespannt. Eigentlich wolltest du deine Position vertreten, doch du hast in allen Punkten nachgegeben. 

Anschließend taucht ein Gedanke auf: Ich bin einfach zu unsicher. 

In diesem Moment fühlt sich dieser Satz wahr an. 

Doch erzählt dieser Satz wirklich, wer du bist? Oder beschreibt er, wie du dich gerade erlebst? 

Und welche Rolle spielt dein Zustand dabei, was du über dich selbst glaubst? 

Um diese Fragen geht es in diesem Artikel. 

Wenn sich ein Zustand wie Wahrheit anfühlt 

In manchen Momenten kann sich das, was wir über uns selbst denken, vollkommen stimmig anfühlen. Was wir denken, passt zu dem, was wir in unserem Körper spüren, welche Emotionen wir wahrnehmen und wie wir die Beziehung zu unserem Gegenüber erleben. 

Bleiben wir noch einen Moment beim obigen Beispiel. 

Vielleicht spürst du nach dem Gespräch noch lange die Anspannung. Vielleicht fühlst du dich immer noch unsicher oder sogar beschämt. Vielleicht wirkt dein Gegenüber in deiner Erinnerung souverän, während du dich selbst eher klein erlebt hast. 

Der Gedanke „Ich bin einfach zu unsicher“ scheint in diesem Moment zu deinem gesamten Erleben zu passen. 

Was du in diesem Moment über dich denkst, kann sich dadurch sehr überzeugend anfühlen. Und vielleicht glaubst du sogar: So bin ich eben. 

Wenn aus einem Zustand ein „So bin ich“ wird 

Aus einem momentanen Erleben kann sehr schnell eine weiterreichende Aussage über uns selbst entstehen. 

Aus „Ich erlebe mich gerade unsicher“ wird vielleicht „Ich bin unsicher.“ 

Aus „Diese Situation überfordert mich gerade“ wird vielleicht „Ich bin schnell überfordert.“ 

Aus „Ich finde gerade keinen Zugang zu einer Lösung“ wird vielleicht „Ich kann das einfach nicht.“ 

So kann ein Zustand unser Selbstbild beeinflussen. 

Ein Moment der Unsicherheit wird zu einer Aussage über unsere Persönlichkeit. Ein Moment der Überforderung zu einer Aussage über unsere Belastbarkeit. Und ein Moment, in dem uns eine Lösung fehlt, zu einer Aussage über unsere Fähigkeiten. 

Der Zustand beschreibt dann nicht mehr nur unser momentanes Erleben. Wir beginnen, aus ihm abzuleiten, wer wir sind. 

Jeder Zustand bringt eine eigene innere Wirklichkeit mit sich 

Wie wir uns selbst erleben, kann sich mit unserem Zustand deutlich verändern. 

In einem Grundzustand der Sicherheit kann sich dein Körper ruhig und zugleich lebendig anfühlen. Deine Gedanken können sich flexibel an das anpassen, was gerade gebraucht wird. Du erlebst dich mit anderen Menschen verbunden und kannst verschiedene Perspektiven einnehmen. Vielleicht fühlst du dich eher präsent, klar und handlungsfähig. 

In einem Grundzustand der Gefahr wird Energie freigesetzt und deine Muskulatur spannt sich an, bereit zur Flucht oder zum Kampf. Deine Gedanken werden schneller und richten sich stärker auf das Problem aus. Du kannst andere Menschen eher als Hindernis oder Problem wahrnehmen. Vielleicht erlebst du dich angespannt oder ängstlich und möchtest der Situation ausweichen. Vielleicht fühlst du dich aber auch ärgerlich oder kämpferisch. 

In einem Grundzustand der Lebensgefahr kann sich dein Körper schwer oder wie erstarrt anfühlen. Deine Gedanken werden langsamer oder fühlen sich blockiert an. Du kannst dich von anderen Menschen und deiner Umgebung abgeschnitten erleben. Vielleicht fühlst du dich hilflos, ohnmächtig oder kaum handlungsfähig. 

Dieses Erleben ist real. 

Wenn du dich in einem bestimmten Moment unsicher fühlst, gehört diese Unsicherheit zu deinem Erleben. Wenn du Angst spürst, ist diese Angst präsent. Wenn dir eine Situation ausweglos erscheint, dann ist sie für dich in diesem Moment ausweglos. 

Doch wie weit reicht die Wahrheit dieses einen Moments? 

Warum ein Zustand nur einen Teil unserer Wahrheit erzählt 

Ich stelle mir einen Zustand gerne wie eine Momentaufnahme vor. Vielleicht zeigt sie einen Menschen, der gerade lacht. Vielleicht einen Menschen, der erschöpft auf dem Sofa liegt. Vielleicht einen Menschen, der konzentriert arbeitet oder gerade keinen Zugang zu einer Lösung findet. 

Jede dieser Momentaufnahmen zeigt etwas Reales. 

Was in einem bestimmten Zustand über uns wahr ist, ist deshalb nur ein Teil dessen, was über uns wahr ist. Unsere Person umfasst sehr viel mehr als diesen einen Moment. 

Unterschiedliche Erfahrungen können gleichzeitig wahr sein 

Vielleicht wirkt es auf den ersten Blick widersprüchlich, sich in unterschiedlichen Momenten so verschieden zu erleben. 

Doch unterschiedliche Erfahrungen können gleichzeitig zu uns gehören. 

Du kannst fachlich kompetent sein und dich in einer bestimmten Situation unsicher erleben. 

Du kannst Angst spüren und mutig handeln. 

Du kannst grundsätzlich handlungsfähig sein und dich in einem Moment überfordert fühlen. 

Du kannst sehr klar wissen, was dir wichtig ist, und in einem schwierigen Gespräch trotzdem nachgeben. 

Du kannst erfolgreich sein und in bestimmten Situationen stark an deiner Kompetenz zweifeln. 

All diese Erfahrungen gehören zu dir. Sie erzählen etwas darüber, wie du dich in unterschiedlichen Momenten erlebst. 

Wenn wir unseren Zustand mit in den Blick nehmen, kann Unsicherheit eine Momentaufnahme sein. Überforderung kann eine Erfahrung unter bestimmten Bedingungen sein. Rückzug kann zu einem Zustand gehören, in dem gerade Abstand oder Schutz im Vordergrund stehen. 

Damit verliert das Erleben nichts von seiner Bedeutung. Es bekommt einen Zusammenhang – mit unserem Zustand, der Situation und den Bedingungen, unter denen sich dieser Zustand organisiert hat. 

Ein Blick auf das Wesentliche 

Unser Zustand beeinflusst, wie wir uns selbst erleben und welche Gedanken über uns selbst in einem bestimmten Moment plausibel erscheinen. 

Dieses Erleben ist real. Gleichzeitig erzählt ein einzelner Zustand nur einen Teil dessen, was zu uns gehört. 

Über die elf Artikel dieser Serie hinweg wurde sichtbar, wie weitreichend Zustände unser Denken, Fühlen und Handeln prägen. Sie beeinflussen unsere Wahrnehmung, unsere Schutzstrategien, unsere Regulation, unsere Selbstführung und auch die Art, wie wir unsere eigene Kompetenz erleben. 

Vielleicht liegt eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser Serie deshalb darin, unseren gegenwärtigen Zustand ernst zu nehmen und zugleich im Blick zu behalten, dass unsere Person sehr viel mehr umfasst als diesen einen Moment. 

Dein Zustand ist ein Teil von dir. Doch du bist mehr als dein Zustand. 

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