Serie: Zustände verstehen | Teil 6
Zustände beeinflussen, wie wir denken, fühlen, entscheiden und handeln.
Sie prägen, wie wir uns selbst erleben, wie wir andere Menschen wahrnehmen und welche Möglichkeiten wir in einer Situation sehen.
Trotzdem sprechen wir im Alltag selten über Zustände. Häufig bemerken wir erst ihre Auswirkungen.
In dieser Serie geht es darum, Zustände besser zu verstehen und ihren Einfluss auf Selbstregulation, Self-Leadership und Imposter-Erleben zu erkunden.
Wenn wir längst wissen, dass uns etwas nicht guttut
Vielleicht erinnerst du dich noch an die Situation aus dem vorherigen Artikel:
Du sitzt an deinem Schreibtisch und bist in eine Aufgabe vertieft. Ein Gedanke folgt dem nächsten. Du bist konzentriert, klar und ganz bei der Sache.
Dann erscheint auf deinem Bildschirm eine kurze Nachricht, und dein Magen zieht sich zusammen.
Du stehst auf und gehst in die Küche. Jetzt brauchst du erst einmal etwas zu naschen. Schnell ist das unangenehme Gefühl vergessen.
Doch kurz darauf machst du dir Vorwürfe. Denn eigentlich hattest du dir vorgenommen, keine Süßigkeiten zu essen.
Du nimmst dir erneut vor, beim nächsten Mal nicht in die Küche zu gehen. Die nächsten Tage gelingt dir das auch.
Doch dann erscheint wieder eine unangenehme Nachricht auf deinem Bildschirm. Und ganz automatisch stehst du auf, gehst in die Küche und naschst.
Wenn du die vorherigen Artikel dieser Serie gelesen hast, dann weißt du, dass hinter dem Naschen eine Schutzstrategie stehen könnte, die dich vor unangenehmen Zuständen schützen soll.
Doch warum reicht es häufig nicht aus, sich fest vorzunehmen, anders zu handeln?
Warum fühlt sich eine Schutzstrategie naheliegender an als das, was wir uns vorgenommen haben?
Und warum nutzen wir solche Strategien weiter, obwohl wir längst spüren, dass sie uns nicht wirklich guttun?
Warum gute Vorsätze allein nicht ausreichen
Wie oft hast du dir schon vorgenommen, ein Verhalten zu verändern?
Vielleicht wolltest du mit dem Naschen aufhören. Vielleicht mit dem Rauchen. Vielleicht wolltest du nicht mehr so schnell Ja sagen, dich nicht mehr so gründlich vorbereiten oder dich nicht mehr zurückziehen, sobald etwas unangenehm wird.
Vielleicht hattest du auch gute Gründe, dieses Verhalten zu verändern. Vielleicht spürst du, dass es mehr Energie kostet, als du eigentlich ausgeben möchtest. Vielleicht bemerkst du bereits körperliche Auswirkungen. Vielleicht weißt du auch, dass es dir langfristig mehr schadet als hilft.
Und dennoch scheinen die guten Vorsätze nicht auszureichen.
Immer wieder gibt es diese Situationen, in denen du auf ungewollte Verhaltensweisen zurückgreifst.
Vielleicht hast du dir sogar schon Hilfe geholt, um Gewohnheiten zu verändern.
Und doch kannst du einfach nicht anders, als immer wieder das zu tun, womit du eigentlich aufhören wolltest.
Schutzstrategien sind mehr als nur Gewohnheiten
Um Gewohnheiten zu verändern, gibt es mittlerweile viele gute Hilfen. Doch solche Hilfen kommen häufig an ihre Grenzen, wenn es um Schutzstrategien geht. Denn Schutzstrategien sind mehr als nur Gewohnheiten.
Schutzstrategien sind vertraute Wege, mit einem schwer auszuhaltenden Zustand umzugehen und wieder etwas näher an den Zustand der Sicherheit zu kommen.
Wenn gute Vorsätze nur auf eine Veränderung des Verhaltens abzielen, verändern sie damit nicht unbedingt den Zustand, auf den dieses Verhalten antwortet. Denn ein Zustand betrifft nicht nur das Verhalten. Er betrifft auch den Körper, die Emotionen, die Gedanken und das Beziehungserleben.
Deshalb kann es manchmal unbewusst sinnvoll sein, an bestimmten Verhaltensweisen festzuhalten, obwohl wir bewusst wissen, dass sie uns Energie kosten und nicht guttun.
Doch es gibt noch weitere Gründe, weshalb es schwierig sein kann, bestimmte Verhaltensweisen loszulassen.
Wenn Schutzstrategien gesellschaftlich bestätigt werden
In einer Gesellschaft, die Leistung und Produktivität als hohe Werte definiert, kann es geschehen, dass Übervorbereitung als Sorgfalt, Perfektionismus als Exzellenz und Anpassung als Teamfähigkeit beurteilt werden.
Und so kann eine Schutzstrategie vielleicht sogar Anerkennung, Zugehörigkeit oder das Bild von Kompetenz sichern.
Hier einige Beispiele:
Bei Katja kann Übervorbereitung wie Sorgfalt wirken. Wenn Katja ihre Präsentation wieder und wieder prüft und überarbeitet, entsteht nach außen vielleicht das Bild einer Person, die sorgfältig vorbereitet ist und ihre Arbeit ernst nimmt.
Bei Anne kann Schweigen wie professionelles Handeln wirken. Wenn Anne nach einer beschämenden Bemerkung nichts sagt, kann das vielleicht als kontrolliertes oder professionelles Verhalten gedeutet werden.
Bei Maria kann Ja-Sagen wie Verlässlichkeit wirken. Wenn Maria Ja sagt, kann das vielleicht als Hilfsbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein oder Teamfähigkeit gesehen werden.
Auch Verhaltensweisen wie Rauchen oder Alkoholkonsum können in bestimmten Kontexten den eigenen Zustand regulieren und gleichzeitig Zugehörigkeit oder Kontakt herstellen.
Und je häufiger eine Strategie innerlich entlastet und von außen vielleicht sogar bestätigt, geteilt oder normalisiert wird, desto schwerer kann es sein, sie loszulassen, auch wenn sie Energie kostet.
Wenn Loslassen nicht sicher ist
Wenn wir andere Menschen beobachten, die an einem Verhalten festhalten, das sehr viel Energie kostet oder sogar ungesund ist, spüren wir das meist sofort.
Oft fragen wir uns dann, warum diese Menschen dieses Verhalten nicht einfach loslassen.
Wenn wir dann ins Gespräch kommen, wird oft schnell deutlich, dass sie selbst wissen oder spüren, dass dieses Verhalten nicht wirklich hilfreich ist.
Dennoch können sie das Verhalten nicht einfach loslassen.
Häufig entsteht dann der Impuls, Druck auszuüben.
Vielleicht fordern wir mehr Einsicht, mehr Disziplin oder mehr Willenskraft.
Vielleicht zeigen wir die Konsequenzen des Verhaltens auf.
Vielleicht geben wir auch gute Ratschläge, wie man Gewohnheiten verändern kann.
Doch all das greift zu kurz.
Denn das Verhalten ist nicht nur ein Verhalten, das man ändern kann.
Das Verhalten ist ein vertrauter Weg, mit einem Zustand umzugehen, der ansonsten schwerer auszuhalten wäre.
Das Verhalten ist vielleicht auch ein Versuch, mehr Abstand, mehr Kontrolle, mehr Zugehörigkeit und damit auch mehr Sicherheit zu ermöglichen.
Das Verhalten loszulassen kann von unserem System als unsicher bewertet werden. Und Sicherheit ist in diesem konkreten Moment vielleicht bedeutsamer als die langfristigen Kosten.
Solange ein Leben ohne die Schutzstrategie von unserem System als unsicherer bewertet wird, wird das System an ihr festhalten.
Wenn der Zustand bleibt, bleibt auch die Schutzstrategie
Doch es gibt noch einen weiteren Aspekt, warum eine Verhaltensänderung oft nicht ausreicht: Wenn Schutzstrategien mit einem Zustand verbunden sind, sind sie auch mit den Ebenen verbunden, auf denen dieser Zustand erlebt wird.
- Mit dem Körper.
- Mit den Emotionen.
- Mit den Gedanken.
- Mit dem Beziehungserleben.
Wenn Veränderung nur auf der Ebene von Verhalten, Einsicht, Disziplin oder Willenskraft ansetzt, bleibt oft unberührt, was die Schutzstrategie eigentlich reguliert: einen Zustand.
Der Körper kann weiterhin mit Enge reagieren. Emotionen können weiterhin überwältigend sein. Gedanken können weiterhin in Richtung Gefahr, Kontrolle oder Beschämung laufen. Beziehung kann sich weiterhin unsicher anfühlen.
Wenn der Zustand auf diesen Ebenen spürbar bleibt, entsteht für das System weiterhin die Aufgabe, mit diesem Zustand umzugehen.
Solange ein anderer Weg diese regulierende Funktion noch nicht übernehmen kann, bleibt die vertraute Schutzstrategie naheliegend.
Die vertraute Schutzstrategie bleibt nicht bestehen, weil wir uns zu wenig bemühen, sondern weil der Zustand weiterhin Regulation verlangt.
Genau deshalb kann Veränderung nicht nur bedeuten, ein Verhalten zu stoppen. Sie müsste auch berücksichtigen, was dieses Verhalten bisher für Körper, Emotionen, Gedanken und Beziehungserleben möglich gemacht hat.
Ein Blick auf das Wesentliche
Schutzstrategien bleiben bestehen, weil sie eine wichtige Funktion in unserer Zustandsregulation erfüllen.
Von außen betrachtet sieht man oft nur ein Verhalten, das viel Energie kostet oder ungesund ist. Doch Schutzstrategien sind mehr als nur ein Verhalten.
Sie beeinflussen auch den Körper, die Emotionen, die Gedanken und das Beziehungserleben.
Manche Schutzstrategien sind zusätzlich gesellschaftlich normalisiert oder werden sogar bestätigt. Dadurch sind sie oft nicht sofort als Schutzstrategien zu erkennen.
Solange kein anderer Weg diese regulierende Funktion übernehmen kann, bleibt die vertraute Schutzstrategie naheliegend. Auch dann, wenn wir ihre Kosten längst kennen.
Die nächste Frage
Wenn Schutzstrategien mit einem Zustand verbunden sind, reicht es oft nicht, nur am Verhalten oder nur am Denken anzusetzen.
Dann stellt sich vielleicht eine weitere Frage: Was kann stattdessen helfen, wenn wir merken, dass uns eine Schutzstrategie langfristig nicht guttut?
Und wie können wir Einfluss auf Zustände nehmen, wenn sie sich autonom organisieren?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich der nächste Artikel der Serie.










