Serie: Zustände verstehen | Teil 4
Zustände beeinflussen, wie wir denken, fühlen, entscheiden und handeln.
Sie prägen, wie wir uns selbst erleben, wie wir andere Menschen wahrnehmen und welche Möglichkeiten wir in einer Situation sehen.
Trotzdem sprechen wir im Alltag selten über Zustände. Häufig bemerken wir erst ihre Auswirkungen.
In dieser Serie geht es darum, Zustände besser zu verstehen und ihren Einfluss auf Selbstregulation, Self-Leadership und Imposter-Erleben zu erkunden.
Wenn wir uns nicht so fühlen möchten, wie wir uns fühlen
Vielleicht kennst du solche Momente.
Du kommst nach einem langen Arbeitstag nach Hause. Du ziehst die Schuhe aus, stellst die Tasche ab und gehst ins Wohnzimmer.
Eine Schwere breitet sich in deinem Körper aus.
Du lässt dich aufs Sofa fallen.
Eigentlich wolltest du noch putzen. Doch plötzlich ist dir zum Weinen zumute und du fühlst dich elend.
Wenn du die vorherigen Artikel dieser Serie gelesen hast, dann weißt du, dass hinter dieser Erfahrung ein Zustand steht.
Doch was machen wir eigentlich, wenn sich dieser Zustand unangenehm anfühlt und wir ihn nicht erleben möchten?
Und warum fühlen sich manche Zustände überhaupt unangenehm an?
Um diese Fragen geht es in diesem Artikel.
Warum sich Zustände unterschiedlich anfühlen
Wenn wir verstehen möchten, warum sich manche Zustände angenehm und andere unangenehm anfühlen, lohnt sich zunächst ein Blick auf die Grundzustände unseres Nervensystems.
Wie du bereits weißt, beeinflusst unser autonomes Nervensystem wesentlich, welcher Zustand sich in einem bestimmten Moment organisiert und damit auch, wie wir uns selbst, andere Menschen und die Welt erleben.
Welche Funktion Zustände für unser System erfüllen, beschreibe ich ausführlicher im Artikel Wozu sind Zustände da?
Doch wie fühlt sich ein Zustand der Sicherheit, der Gefahr oder Lebensgefahr überhaupt an?
Wie sich der Zustand der Sicherheit anfühlen kann
In einem Zustand der Sicherheit fühlt sich das Leben leichter an.
Die Aufmerksamkeit kann sich frei bewegen. Gedanken kommen und gehen. Herausforderungen wirken handhabbar und selbst bei Schwierigkeiten bleibt häufig das Gefühl erhalten, eine Lösung finden zu können.
Der Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen und Gefühlen ist leichter zugänglich. Wir spüren eher, was uns guttut, was wir brauchen und was uns wichtig ist.
Die Welt und ihre Menschen erscheinen freundlicher. Es fällt leichter, zuzuhören, sich auszutauschen und sich verbunden zu fühlen.
Unser Körper fühlt sich häufig mehr wie ein Zuhause an. Die Muskulatur ist entspannter, die Atmung ruhiger und wir erleben uns selbst oft als präsenter und geerdeter.
Vielleicht ist das der Grund, warum Zustände von Sicherheit häufig mit Verbundenheit, Offenheit, Neugier, Präsenz oder innerer Ruhe verbunden werden.
Wie sich der Zustand der Gefahr anfühlen kann
In einem Zustand der Gefahr verändert sich dieses Erleben.
Die Aufmerksamkeit richtet sich stärker auf das, was wichtig, dringend oder potenziell problematisch erscheint. Gedanken beschäftigen sich häufiger mit Risiken, Fehlern oder möglichen Schwierigkeiten. Es fällt schwerer, den Blick von dem zu lösen, was gerade Aufmerksamkeit fordert.
Der Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen und Gefühlen wird schwächer. Die Aufmerksamkeit liegt stärker auf dem Problem als auf dem eigenen Erleben. Was wir gerade brauchen, gerät leichter aus dem Blick.
Die Welt und ihre Menschen erscheinen weniger freundlich. Andere Menschen werden häufiger als Herausforderung, Hindernis oder mögliche Quelle von Kritik wahrgenommen. Es fällt schwerer, sich verbunden zu fühlen und offen auf andere zuzugehen.
Unser Körper bereitet sich auf Flucht oder Kampf vor. Energie wird mobilisiert. Die Muskulatur spannt sich an. Die Atmung wird flacher und schneller. Das Herz schlägt kräftiger. Vieles im Körper ist darauf ausgerichtet, schnell reagieren zu können.
Vielleicht ist das der Grund, warum Zustände von Gefahr häufig mit Anspannung, Sorge, Nervosität, Frustration, Ärger oder innerer Unruhe verbunden werden.
Wie sich der Zustand der Lebensgefahr anfühlen kann
In einem Zustand der Lebensgefahr verändert sich das Erleben noch einmal grundlegend.
Gedanken verlangsamen sich. Selbst einfache Entscheidungen fallen schwer. Manchmal entsteht das Gefühl, festzustecken. Möglichkeiten werden geringer oder verschwinden ganz.
Der Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen und Gefühlen wird schwächer. Manche Menschen erleben eine große Distanz zu sich selbst. Andere beschreiben ein Gefühl von Taubheit oder innerer Leere. Es fällt schwerer wahrzunehmen, was gerade gebraucht wird oder was guttun könnte.
Auch das Erleben von Beziehungen verändert sich. Viele Menschen fühlen sich von anderen Menschen und ihrer Umgebung abgeschnitten. Das Gefühl, allein mit dem eigenen Erleben zu sein, kann zunehmen.
Unser Körper fühlt sich häufig schwer, erschöpft oder energielos an. Selbst kleine Aufgaben können Kraft kosten. Manche Menschen erleben ihren Körper als fremd oder als von sich selbst getrennt.
Vielleicht ist das der Grund, warum Zustände von Lebensgefahr häufig mit Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Ohnmacht, Überforderung oder innerer Leere verbunden werden.
Der Wunsch, sich anders zu fühlen
Gehen wir noch einmal zurück zu dem Moment auf dem Sofa.
Du kommst nach Hause. Die Schwere breitet sich in deinem Körper aus. Eigentlich wolltest du noch putzen. Doch stattdessen ist dir zum Weinen zumute und du fühlst dich elend.
Auch wenn objektiv betrachtet vielleicht keine Lebensgefahr besteht, hat dein autonomes Nervensystem in diesem Moment so reagiert, als müsse es dich beschützen, und den Zustand der Lebensgefahr organisiert.
Doch vielleicht möchtest du dich in diesem Moment nicht so elend fühlen. Vielleicht wünschst du dir mehr Energie, mehr Leichtigkeit, mehr Lebendigkeit.
Was wir tun, wenn sich ein Zustand unangenehm anfühlt
Wenn sich ein Zustand unangenehm anfühlt, beginnen wir häufig etwas zu tun.
Hier einige Beispiele:
Katja ist wie erhofft befördert worden. Eigentlich sollte sie erleichtert sein. Doch als sie am Abend nach Hause kommt, spürt sie vor allem Druck. Ihr gesamter Körper ist angespannt. Ihre Gedanken rasen. Was, wenn sie doch nicht gut genug ist?
Schließlich nimmt sie eine Flasche Rotwein und klingelt bei ihrem Nachbarn. Gemeinsam sitzen sie auf dem Balkon, trinken Wein und erzählen.
Zuerst kreist das Gespräch noch um ihre Beförderung, später reden sie auch über andere Themen. Irgendwann spürt Katja, dass ihre Schultern nicht mehr ganz so angespannt sind und der Druck weniger wird.
Anne ist während der Präsentation erneut von ihrer Kollegin scharf kritisiert worden. Als sie am Abend nach Hause kommt, kann sie sich nur noch aufs Sofa fallen lassen. Alles andere wäre zu viel. Sie starrt vor sich hin und die Zeit vergeht. Eine Schwere liegt auf ihrem Körper und hält sie fest. Sie fühlt sich ihrer Kollegin ausgeliefert.
Irgendwann greift sie zum Telefon und ruft eine Freundin an.
Sie erzählt von der Präsentation. Von den Angriffen ihrer Kollegin. Von ihrer Angst, dass sie gekündigt werden könnte. Die Freundin hört zu. Irgendwann spürt Anne, dass die Schwere etwas nachlässt. Zum ersten Mal an diesem Abend fühlt sie sich nicht mehr ganz so hilflos.
Maria hat die Präsentation erfolgreich hinter sich gebracht. Als sie am Abend nach Hause kommt, sinkt sie erschöpft aufs Sofa. Eigentlich müsste sie noch die Unterlagen für das nächste Projekt durchgehen, doch ihr Kopf fühlt sich leer an. Kein Gedanke will sich formen. Obwohl das Projekt genau ihr Thema ist, fehlt ihr die Energie dafür.
Schließlich zieht sie ihre Sportsachen an und fährt zum Kickboxtraining. Die ersten Minuten fühlen sich schwer an. Doch nach und nach kommt Bewegung in ihren Körper und die Energie kehrt zurück.
Als sie später nach Hause kommt, setzt sie sich noch einmal an ihren Schreibtisch und bereitet den kommenden Tag vor.
Auf den ersten Blick haben diese drei Situationen wenig gemeinsam. Und dennoch sind sie sich sehr ähnlich.
Wie wir Einfluss auf unseren Zustand nehmen
Katja, Anne und Maria beeinflussen den Zustand, in dem sie sich gerade befinden, durch ihr Verhalten. Doch welche Verhaltensweisen können einen Zustand verändern?
Viele Verhaltensweisen können unseren Zustand verändern
Es gibt viele unterschiedliche Verhaltensweisen, mit denen wir Einfluss auf unseren Zustand nehmen können. Vielleicht kennst du einige davon:
- Sport treiben
- Essen
- Alkohol trinken
- Sex haben
- Arbeiten
- Durch soziale Medien scrollen
- Serien schauen
- Mit anderen Menschen sprechen
- Sich zurückziehen
- Schlafen
- Einkaufen
- Spielen
- Abenteuer suchen
- und viele andere mehr
Wahrscheinlich kommen dir diese Verhaltensweisen wie ganz gewöhnliches Verhalten vor. Und das sind sie auch. Und doch können diese Verhaltensweisen dazu genutzt werden, einen unangenehmen Zustand zu verändern – meist vollkommen unbewusst.
Doch können wir unliebsame Zustände nur durch unser Verhalten verändern?
Es gibt viele Wege, einen Zustand zu verändern
Im ersten Artikel dieser Serie ging es darum, dass sich Zustände fortlaufend aus dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren organisieren.
Dazu gehören:
- innere Wahrnehmungen
- Bewertungen und Erwartungen
- äußere Wahrnehmungen
- Beziehungen zu anderen Menschen
- körperliche Verfassung
Diese Faktoren tragen nicht nur dazu bei, dass Zustände entstehen. Sie können auch dazu beitragen, dass sich unangenehme Zustände verändern.
Wenn wir versuchen, einen unangenehmen Zustand zu verlassen, nutzen wir häufig bewusst oder unbewusst genau jene Faktoren, die auch an der Entstehung von Zuständen beteiligt sind.
Wir verändern vielleicht unsere Gedanken.
Wir passen vielleicht unsere Erwartungen an.
Wir richten vielleicht unsere Aufmerksamkeit auf etwas anderes.
Wir suchen vielleicht die Nähe anderer Menschen.
Oder vielleicht tun wir auch etwas ganz anderes, um Einfluss auf einen unangenehmen Zustand zu nehmen.
Ein Blick auf das Wesentliche
Zustände fühlen sich nicht alle gleich an.
Manche Zustände gehen mit Verbundenheit, Offenheit oder innerer Ruhe einher. Andere mit Anspannung, Hilflosigkeit, Überforderung oder innerer Leere.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum der Wunsch entsteht, sich anders zu fühlen.
Wenn sich ein Zustand unangenehm anfühlt, versuchen Menschen häufig bewusst oder unbewusst Einfluss auf ihn zu nehmen.
Manchmal geschieht das über Verhalten. Manchmal über Gedanken, Beziehungen, Aufmerksamkeit oder den Körper.
Die nächste Frage
Wenn sich ein Zustand unangenehm anfühlt, versuchen wir häufig, ihn zu verändern.
Manchmal entstehen aus dem, was wir tun, wiederkehrende Strategien.
Doch welchen Sinn könnten diese Strategien noch haben, außer uns vor einem unangenehmen Zustand zu schützen?
Was könnten diese Strategien bewirken?
Um diese Fragen geht es im nächsten Artikel dieser Serie: Was Schutzstrategien mit Zuständen zu tun haben.










