Was sind Zustände

Juni, 2026 | Selbstregulation

Serie: Zustände verstehen | Teil 1  

Zustände beeinflussen, wie wir denken, fühlen, entscheiden und handeln. 

Sie prägen, wie wir uns selbst erleben, wie wir andere Menschen wahrnehmen und welche Möglichkeiten wir in einer Situation sehen. 

Trotzdem sprechen wir im Alltag selten über Zustände. Häufig bemerken wir erst ihre Auswirkungen. 

In dieser Serie geht es darum, Zustände besser zu verstehen und ihren Einfluss auf Selbstregulation, Self-Leadership und Imposter-Erleben zu erkunden. 

Warum wir uns manchmal wie ein anderer Mensch fühlen und was Zustände damit zu tun haben 

Vielleicht kennst du solche Momente: 

In einem Augenblick kannst du klar denken, Entscheidungen treffen und souverän handeln. 

Doch kurze Zeit später fühlt sich alles ganz anders an. 

Deine Gedanken kreisen immer wieder um das gleiche Thema. 

Entscheidungen fallen schwer. 

Handeln scheint unmöglich. 

Später fragst du dich vielleicht, warum du von einem Moment auf den nächsten so anders warst. 

Die kurze Antwort ist: In diesem Moment hat sich dein Zustand verändert. 

Doch was ist ein Zustand? 

Und wie beeinflusst er unser Denken, unsere Entscheidungen und unser Handeln? 

Um diese Fragen geht es in diesem Artikel. 

Was ist ein Zustand? 

Zustand beschreibt unsere körperliche, emotionale, mentale und relationale Verfassung in einem bestimmten Moment. 

Unser Zustand ist also ein Zusammenspiel aus unseren 

  • Körperempfindungen 
  • Emotionen  
  • Gedanken  
  • Verhaltensweisen 
  • und aus unserer Beziehungserfahrung in diesem konkreten Moment. 

Unser Zustand verändert sich fortlaufend. Manchmal langsam, manchmal sehr plötzlich. Manchmal deutlich, manchmal kaum spürbar. 

Oft können wir unseren Zustand sehr treffend mit einfachen Sätzen beschreiben, ohne explizit zu sagen, was sich gerade auf körperlicher, emotionaler, mentaler oder relationaler Ebene abspielt. 

Hier einige Beispiele: 

  • Ich bin gestresst. 
  • Ich fühle mich energielos. 
  • Ich weiß gerade nicht, wo mir der Kopf steht. 

Auch wenn wir unsere Zustände oft intuitiv wahrnehmen und manchmal sogar sehr präzise benennen können, kann es sinnvoll sein, besser zu verstehen, wie sehr sie unser Denken, Fühlen, Entscheiden und Handeln beeinflussen. 

Warum ist es wichtig, Zustände zu verstehen? 

Unser Zustand beeinflusst 

  • wie wir uns selbst erleben 
  • und wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen. 

Wie wir uns selbst erleben 

Es gibt Zustände, in denen wir uns selbstwirksam, energiegeladen und in Kontakt mit uns selbst fühlen. 

Doch es gibt auch andere Zustände. 

Zustände, in denen Selbstzweifel lauter, Unsicherheit größer und Selbstwirksamkeit kleiner werden. 

Dann kann leicht das Gefühl entstehen, abgeschnitten von sich selbst zu sein und den Zugang zur Klarheit und Handlungsfähigkeit verloren zu haben. 

Unser Zustand ist entscheidend, wie wir uns selbst erleben, doch er ist auch entscheidend, wie wir die Welt um uns herum erleben. 

Wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen 

Es gibt Zustände, in denen wir uns mit der Welt verbunden fühlen, in denen sich die Welt sicher und berechenbar anfühlt und andere Menschen zugänglich erscheinen. 

Doch auch hier gibt es andere Zustände. 

In angespannten oder erschöpften Zuständen kann die Welt plötzlich chaotisch, bedrohlich oder überwältigend wirken. 

Andere Menschen wirken schneller kritisch, anstrengender oder vielleicht sogar gefährlich. 

Wenn sich unser Zustand verändert und damit auch unsere Beziehung zu uns selbst und zur Welt, verändert sich auch, wie wir Situationen einordnen und welche Entscheidungen wir treffen. 

Wie wir Situationen einordnen und welche Entscheidungen wir treffen 

Wie wir Situationen einordnen, welche Möglichkeiten wir sehen und welche Entscheidungen sich stimmig anfühlen, hängt immer auch mit einem bestimmten Zustand zusammen. 

Wenn wir in einem selbstwirksamen, energiegeladenen, weltzugewandten Zustand sind, scheinen Situationen lösbarer und Entscheidungen leichter. 

Wenn wir in einem angespannten, unsicheren oder innerlich unter Druck stehenden Zustand sind, wirkt die Welt schneller bedrohlich und problematisch. 

Gedanken kreisen stärker. Der Fokus verengt sich. Entscheidungen sind dann häufig vorsichtiger, kontrollierter oder stärker an Sicherheit gebunden. 

Wenn wir in einem erschöpften, energielosen oder innerlich zurückgezogenen Zustand sind, können selbst kleine Entscheidungen überwältigend erscheinen. 

Möglichkeiten wirken kleiner. Handlungsspielräume enger. Und manches, was in anderen Zuständen selbstverständlich erscheint, fühlt sich plötzlich kaum noch erreichbar an. 

Zustände beeinflussen damit nicht nur unser Erleben, sondern auch, welche Entscheidungen wir treffen und welche Handlungsspielräume wir wahrnehmen. Genau deshalb spielt Zustandsbewusstsein auch für Self-Leadership eine wichtige Rolle. 

👉 Was Self-Leadership wirklich bedeutet 

Warum Zustände verstehen, entlastend sein kann 

Wenn wir unsere Zustände besser verstehen, können wir uns selbst und unser Erleben besser verstehen. 

Wir können verstehen, warum sich die gleiche Situation an einem Tag lösbar und an einem anderen überwältigend anfühlt. 

Wir können verstehen, warum wir uns in manchen Momenten offen, klar und verbunden erleben und in anderen angespannt, erschöpft oder wie abgeschnitten von uns selbst. 

Oder warum wir manchmal Entscheidungen treffen, die sich in einem Moment stimmig anfühlen und später kaum noch nachvollziehbar sind. 

Den eigenen Zustand besser zu verstehen, kann helfen, das eigene Erleben besser zu verstehen. 

Unsere Zustände beeinflussen unsere Wahrnehmung, unser Selbstbild, unsere Entscheidungen und unser Handeln. 

Dieses Verständnis ist auch eine wichtige Grundlage von Selbstregulation. Denn Selbstregulation bedeutet nicht, Zustände zu kontrollieren, sondern sie wahrzunehmen, einzuordnen und beweglicher mit ihnen umzugehen. 

👉 Selbstregulation kann man nicht machen 

Doch wie entstehen Zustände eigentlich? 

Wie Zustände entstehen 

Wenn wir Säuglinge und kleine Kinder beobachten, sehen wir, wie schnell sich Zustände verändern können. 

In einem Moment lachen sie, kurz darauf weinen sie. 

Und häufig können wir intuitiv spüren, was ihren Zustand verändert hat. 

Vielleicht sind sie hungrig, müde oder fühlen sich körperlich unwohl. 

Vielleicht verändert sich ihr Zustand aber auch durch etwas, das im Außen geschieht. Ein Geräusch, ein Gesicht, eine Stimme, ein Geruch und schon kann sich der Zustand verändern. 

Schon früh zeigt sich, wie eng unsere Zustände mit dem verbunden sind, was wir innerlich und äußerlich wahrnehmen. 

Innere Wahrnehmungen 

Unser Zustand wird durch unsere innere Wahrnehmung beeinflusst. Also durch unsere 

  • Gedanken 
  • innere Bilder 
  • Erinnerungen 
  • Erwartungen 
  • körperliche Empfindungen 
  • und unbewusste Bewertungen 

Hier einige Beispiele: 

Du denkst an ein wichtiges Gespräch, das morgen ansteht. Plötzlich spannt sich dein Körper an. Gedanken beginnen zu kreisen. Dein Zustand verändert sich. 

Du erwartest eine Rückmeldung auf eine wichtige E-Mail. Doch die Antwort bleibt aus. Du fragst dich, ob etwas nicht stimmt. Dein Zustand verändert sich. 

Du stolperst, dein Fuß knickt um und du hast starke Schmerzen. Der Körper spannt sich an. Aufmerksamkeit richtet sich auf den Schmerz. Dein Zustand verändert sich. 

Äußere Wahrnehmungen 

Unser Zustand wird auch durch das beeinflusst, was wir im Außen über unsere Sinnesorgane wahrnehmen. Über das, was wir  

  • sehen 
  • hören 
  • fühlen 
  • riechen 
  • und schmecken 

Einige Beispiele:  

Du gehst an einer Bäckerei vorbei und nimmst den Duft von frischem Brot wahr. Eine Erinnerung taucht auf. Dein Zustand verändert sich. 

Du hörst plötzlich ein lautes Geräusch hinter dir. Der Körper spannt sich an. Deine Aufmerksamkeit richtet sich sofort auf die Umgebung. Dein Zustand verändert sich. 

Du spürst die wärmende Sonne auf deinem Gesicht. Der Körper entspannt sich. Dein Zustand verändert sich. 

Das, was wir innerlich und äußerlich wahrnehmen, beeinflusst unseren Zustand. 

Wie stark sich ein Zustand verändert und welcher Zustand entsteht, hängt jedoch auch davon ab, wie unser Gehirn Wahrnehmungen einordnet und bewertet. 

Wie unser Gehirn Wahrnehmungen bewertet 

Über unsere innere und äußere Wahrnehmung erreichen unser Gehirn fortlaufend unzählige Informationen. 

Um diese Fülle an Informationen einordnen zu können, bewertet unser Gehirn sie fortlaufend anhand von Erfahrungen, Wissen und vertrauten Mustern. 

Dabei entsteht eine unbewusste Einschätzung darüber, was vertraut oder unvertraut, sicher oder gefährlich, relevant oder irrelevant erscheint. 

Aus diesen Bewertungen organisiert sich fortlaufend unser Zustand. 

Mit zunehmendem Alter sammeln wir mehr Erfahrungen und Wissen über uns selbst, andere Menschen und die Welt. 

Dadurch stehen unserem Gehirn mehr Informationen zur Verfügung, wenn es Wahrnehmungen einordnet und bewertet. 

Deshalb können dieselben Situationen im Laufe unseres Lebens unterschiedliche Zustände auslösen. Eine Situation, die uns früher vielleicht verunsichert hat, kann sich Jahre später vertraut und gut bewältigbar anfühlen. 

Warum Menschen dieselbe Situation unterschiedlich erleben 

Vielleicht ist dir schon einmal aufgefallen, dass die gleiche Situation bei anderen Menschen ganz unterschiedliche Zustände auslösen kann. 

Was für den einen Menschen vertraut und sicher wirkt, kann für einen anderen ungewohnt, belastend oder bedrohlich erscheinen. 

Jeder Mensch bringt eigene Erfahrungen, eigenes Wissen und eigene Bedeutungen mit. 

Dadurch wird dieselbe Situation von unterschiedlichen Menschen oft unterschiedlich erlebt. 

Doch Zustände entstehen nicht nur durch spezifische Situationen. Sie entstehen auch in Kontakt mit anderen Menschen. 

Wie andere Menschen unsere Zustände beeinflussen 

Wenn wir Säuglinge und kleine Kinder beobachten, sehen wir auch, wie stark ihr Zustand durch andere Menschen beeinflusst werden kann. 

Eine Berührung kann beruhigen. 

Ein freundlicher Gesichtsausdruck kann Sicherheit vermitteln. 

Nähe und Kontakt tragen dazu bei, wie sich ein Zustand entwickelt. 

Mit zunehmendem Alter werden wir unabhängiger vom Zustand anderer, doch auch jetzt beeinflussen andere Menschen fortlaufend unsere Zustände. 

Einige Beispiele: 

Du betrittst einen Raum, in dem Menschen angespannt über ein Problem diskutieren. Nach kurzer Zeit bemerkst du, wie auch dein eigener Körper wachsamer wird. Dein Zustand verändert sich. 

Du führst ein Gespräch mit einem Menschen, der ruhig, aufmerksam und zugewandt ist. Gedanken werden klarer. Der Körper entspannt sich. Dein Zustand verändert sich. 

Du sitzt in einem Teammeeting. Eine Person wirkt zunehmend gestresst und gereizt. Die Stimmung im Raum verändert sich. Auch dein Zustand verändert sich. 

Unsere Beziehungen tragen wesentlich dazu bei, welche Zustände sich in uns organisieren. 

Doch auch unser Körper hat einen großen Einfluss auf unseren Zustand. 

Wie unser Körper unsere Zustände beeinflusst 

Unser Körper und wie wir mit unserem Körper umgehen und ihn versorgen, beeinflusst unseren Zustand. 

Wie viel Energie uns zur Verfügung steht. 

Wie belastbar wir uns fühlen. 

Wie aufmerksam wir sind. 

Und welche Zustände wahrscheinlicher werden. 

Wichtige Faktoren sind hier: 

  • Schlaf, Erholung und Regeneration 
  • Ernährung und Flüssigkeitshaushalt 
  • Bewegung und körperliche Aktivität 
  • Hormone und hormonelle Veränderungen 
  • Erkrankungen 
  • Medikamente, Alkohol, Koffein und andere Substanzen 

Einige Erfahrungen kennst du vielleicht aus deinem eigenen Leben: 

Nach einer erholsamen Nacht wirkt vieles leichter. Gedanken sind klarer. Entscheidungen fallen leichter. Derselbe Arbeitstag fühlt sich anders an als nach mehreren Nächten mit wenig Schlaf. 

An Tagen, an denen du regelmäßig gegessen, ausreichend getrunken und dich bewegt hast, steht oft mehr Energie zur Verfügung als an Tagen, an denen all das zu kurz kam. 

Viele Frauen erleben, dass sich Stimmung, Energie, Belastbarkeit oder Konzentration im Verlauf des Zyklus verändern können. Dieselbe Situation kann dadurch an unterschiedlichen Tagen unterschiedlich erlebt werden. 

Und wer schon einmal krank war, kennt vielleicht das Gefühl, dass selbst kleine Aufgaben plötzlich viel Energie kosten können. Dinge, die sonst selbstverständlich erscheinen, wirken dann deutlich anstrengender. 

Unser Zustand entsteht aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren 

Vielleicht wird jetzt etwas deutlicher, warum Zustände selten aus einer einzelnen Ursache heraus entstehen. 

Zustände werden fortlaufend beeinflusst durch 

  • das, was wir innerlich wahrnehmen 
  • das, was wir im Außen wahrnehmen 
  • Erfahrungen und Bewertungen unseres Gehirns 
  • Menschen, mit denen wir in Kontakt sind 
  • und unsere körperliche Verfasstheit 

All diese Einflüsse wirken gleichzeitig zusammen und tragen dazu bei, welcher Zustand sich in einem bestimmten Moment organisiert. 

Zustände verändern sich fortlaufend 

Unser Zustand entsteht unbewusst aus einem Zusammenspiel von inneren und äußeren Wahrnehmungen, Erfahrungen, unseren Beziehungen und unserer körperlichen Verfassung. 

Da sich all diese Faktoren fortlaufend verändern, verändern sich auch unsere Zustände fortlaufend. 

Manchmal bleibt ein Zustand über längere Zeit bestehen. 

Manchmal verändert er sich innerhalb weniger Sekunden. 

Manchmal ist der Wechsel offensichtlich. 

Manchmal geschieht er fast unbemerkt. 

Manchmal wissen wir sofort, was einen Wechsel eingeleitet hat. 

Manchmal bleibt die Ursache im Verborgenen. 

Vielleicht wird jetzt etwas verständlicher, warum sich das eigene Erleben nicht immer konsistent anfühlt. 

Warum wir uns in manchen Momenten offen, klar und verbunden fühlen und in anderen eng, angespannt oder abgeschnitten. 

Warum wir in einem Zustand klar denken, souverän entscheiden und handlungsfähig sind. 

Und warum sich dieselbe Situation in einem anderen Zustand plötzlich schwer, bedrohlich oder überwältigend anfühlen kann. 

Vielleicht haben wir uns in diesen Momenten weniger verändert, als wir bisher angenommen haben. 

Vielleicht hat sich nur der Zustand verändert. 

Und vielleicht wird dadurch verständlicher, warum sich unser Erleben manchmal so widersprüchlich anfühlen kann. 

Warum dieselbe Situation an unterschiedlichen Tagen unterschiedliche Reaktionen auslösen kann. 

Und warum wir uns selbst nicht immer auf die gleiche Weise erleben. 

Mit dem Zustand verändert sich oft auch die Art, wie wir uns selbst, andere Menschen und die Welt wahrnehmen. 

Ein Blick auf das Wesentliche 

Zustände beschreiben unsere körperliche, emotionale, mentale und relationale Verfassung in einem bestimmten Moment. 

Sie beeinflussen, wie wir denken, fühlen, wahrnehmen und handeln. 

Zustände entstehen nicht aus einer einzelnen Ursache heraus. 

Sie organisieren sich fortlaufend aus dem Zusammenspiel von Wahrnehmungen, Erfahrungen, Beziehungen und körperlichen Voraussetzungen. 

Da sich all diese Einflüsse fortlaufend verändern, verändern sich auch unsere Zustände. 

Vielleicht wird dadurch verständlicher, warum wir uns in unterschiedlichen Momenten manchmal wie unterschiedliche Menschen erleben. 

Die nächste Frage 

Welche Funktion erfüllen Zustände eigentlich? 

Mit dieser Frage beschäftigt sich der nächste Artikel der Serie: Wozu sind Zustände da? Die Funktion von Zuständen verstehen 

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