Serie: Zustände verstehen | Teil 10
Zustände beeinflussen, wie wir denken, fühlen, entscheiden und handeln.
Sie prägen, wie wir uns selbst erleben, wie wir andere Menschen wahrnehmen und welche Möglichkeiten wir in einer Situation sehen.
Trotzdem sprechen wir im Alltag selten über Zustände. Häufig bemerken wir erst ihre Auswirkungen.
In dieser Serie geht es darum, Zustände besser zu verstehen und ihren Einfluss auf Selbstregulation, Self-Leadership und Imposter-Erleben zu erkunden.
Wenn du plötzlich glaubst, nicht gut genug zu sein
Vielleicht kennst du solche Momente.
Du arbeitest an einem Projekt. Du kennst dein Thema. Du weißt, was du kannst. Du fühlst dich sicher bei dem, was du tust.
Doch dann sollst du dein Projekt, dein Wissen, dein Können vor anderen Menschen zeigen.
Plötzlich tauchen Selbstzweifel auf. Du fühlst dich unsicher und fragst dich, ob du wirklich gut genug bist.
Dein Können und dein Wissen haben sich nicht verändert. Und trotzdem erlebst du dich plötzlich anders.
Warum fühlt sich dein eigenes Können plötzlich weniger sicher an, obwohl sich daran nichts verändert hat?
Und warum kann der Gedanke, vielleicht doch nicht gut genug zu sein, in diesem Moment so überzeugend wirken?
Um diese Fragen geht es in diesem Artikel.
Wissen und Können werden in verschiedenen Zuständen unterschiedlich erlebt
Kehren wir noch einmal zu deinem Projekt zurück.
Solange du allein oder mit vertrauten Menschen daran arbeitest, fühlst du dich sicher. Doch wenn du dein Projekt vor fremden Menschen zeigen sollst und damit auch dein Wissen und Können sichtbar werden, fühlt es sich plötzlich anders an.
Nicht dein Wissen und Können haben sich verändert. Doch vielleicht hat sich dein Zustand verändert.
Unser Zustand beeinflusst, worauf sich unsere Aufmerksamkeit richtet, welche Gedanken wahrscheinlicher werden, wie wir Situationen einordnen und wie wir uns selbst erleben.
In einem Zustand von Sicherheit haben wir meist guten Zugang zu unserem Wissen und unseren Erfahrungen. Meist können wir auch gelassener mit Wissenslücken oder möglichen Fehlern umgehen.
In einem Zustand von Gefahr richtet sich unsere Aufmerksamkeit stärker auf das, was uns potenziell bedrohlich werden könnte. Dadurch können Wissenslücken oder mögliche Fehler mehr Gewicht bekommen. Gleichzeitig kann vorhandenes Wissen schwerer zugänglich sein.
Und wenn unser System sich stärker in Richtung Rückzug oder Erstarrung organisiert, kann sich dieser Zugang noch weiter einschränken. In solchen Momenten fühlen sich sogar Fähigkeiten, auf die wir uns sonst verlassen können, weniger zugänglich an.
Unser Zustand beeinflusst, wie wir unser Wissen und Können erleben und bewerten.
Doch was bedeutet das nun für das Imposter-Syndrom?
Wenn sich das eigene Können innerlich nicht sicher anfühlt
Beim Imposter-Syndrom kann unser Können im Außen durchaus sichtbar sein und sich für uns selbst trotzdem unsicher anfühlen.
Wir sehen dann eher, was noch fehlt, was nicht gelungen ist oder was wir hätten besser machen können.
Auch Erfolge geben uns nicht unbedingt Sicherheit. Vielleicht denken wir, wir hatten Glück, günstige Umstände oder viel Unterstützung. Oder wir glauben, dass es nur gelungen ist, weil wir uns besonders angestrengt haben.
Im Vergleich mit anderen fällt uns bei uns selbst die Unsicherheit auf, während wir bei anderen eher sehen, was sie können und was ihnen gelingt.
Und selbst positive Rückmeldungen können wenig verändern, wenn gleichzeitig die Sorge bleibt, andere könnten uns überschätzen.
So kann vieles für unser Können sprechen – und trotzdem fühlt es sich innerlich nicht wirklich sicher an.
Wie sich das Imposter-Syndrom in Gedanken, Gefühlen, Körperreaktionen und Verhalten zeigen kann, beschreibe ich ausführlicher im Artikel Wie sich das Imposter-Syndrom zeigen kann
Hier ein Beispiel:
Anne arbeitet seit vielen Jahren in ihrem Fachgebiet. Ihre Chefin bittet sie regelmäßig um ihre fachliche Einschätzung und vertraut auf ihre Erfahrung.
Eines Morgens erzählt sie Anne, dass eine neue Abteilung gegründet werden soll und sie Anne gern als Abteilungsleiterin vorschlagen möchte. Sie sagt: „Du bringst genau die Erfahrung mit, die wir für diese Position brauchen.“
Anne spürt, wie sich ein Knoten in ihrem Bauch bildet und ihr Herz schneller schlägt. Gleichzeitig merkt sie, dass ihr die Vorstellung, diese Verantwortung zu übernehmen, Angst macht. Sie bittet um Bedenkzeit und geht zurück an ihren Schreibtisch.
Dort versucht sie weiterzuarbeiten. Doch ein Gedanke kreist immer wieder durch ihren Kopf: Was, wenn die anderen merken, dass ich nicht gut genug bin? Der Knoten in ihrem Bauch wird zunehmend unangenehm.
Am nächsten Tag dankt Anne ihrer Chefin für das Vertrauen und lehnt die neue Position mit den Worten ab: „Ich bin noch nicht so weit.“
Wie unser Zustand typische Imposter-Dynamiken beeinflusst
Annes Situation macht sichtbar, wie ihr Zustand typische Imposter-Dynamiken beeinflusst: Ihre Wissenslücke bekommt mehr Bedeutung, ihre Körperreaktion wird zum Hinweis auf ihre Eignung und die Einschätzung ihrer Chefin tritt in den Hintergrund.
Annes Wissen und Erfahrung bleiben gleich. Doch mehr Verantwortung, Sichtbarkeit und Ungewissheit scheinen von ihrem System als potenziell bedrohlich eingeordnet zu werden. Im Grundzustand der Gefahr richtet sich Annes Aufmerksamkeit stärker auf das, was ihr für die neue Aufgabe noch fehlt.
Dadurch bekommt die Wissenslücke mehr Bedeutung. Und aus der Frage Was müsste ich für diese Aufgabe noch lernen? kann leicht die Frage werden: Weiß ich überhaupt genug für diese Aufgabe?
Auch ihre Körperreaktion kann Anne als Hinweis auf ihre Eignung deuten. Der Knoten in ihrem Bauch, ihr schneller Herzschlag und ihre Angst sind Teil des Zustands. Doch dieses Erleben kann eine besondere Beweiskraft bekommen und den Schluss zulassen: Wenn ich für diese Aufgabe geeignet wäre, hätte ich nicht solche Angst.
Die Einschätzung ihrer Chefin, dass Anne genügend Erfahrung für die neue Position mitbringt, bekommt im Zustand der Gefahr dagegen wenig Aufmerksamkeit. Denn in diesem Zustand richtet sich unsere Aufmerksamkeit stärker auf mögliche Probleme und Schwierigkeiten und weniger auf das, was gut läuft.
Annes Wissen und Können bleiben auch im Zustand der Gefahr dieselben. Doch sie selbst erlebt beides weniger sicher.
Wenn sich das Imposter-Syndrom nicht immer gleich stark zeigt
Das Imposter-Syndrom zeigt sich nicht in jeder Situation gleich stark. Unser Zustand kann dabei eine wichtige Rolle spielen.
In vertrauten Situationen können Wissen und Erfahrung gut zugänglich sein. Mit mehr Verantwortung, Sichtbarkeit oder Ungewissheit kann sich unser Zustand verändern – und damit auch, wie wir unser eigenes Wissen und Können erleben.
So kann sich dieselbe Person in einer Situation fachlich sicher fühlen und in einer anderen stark daran zweifeln, ob ihr Wissen und Können ausreichen.
Wie stark sich das Imposter-Syndrom zeigt, kann auch davon abhängen, aus welchem Zustand heraus wir uns und unser Können gerade erleben.
Wie ich das Imposter-Syndrom insgesamt verstehe, beschreibe ich ausführlicher in meinen Grundlagenartikeln zum Imposter-Syndrom.
Ein Blick auf das Wesentliche
Unser Zustand beeinflusst, wie wir unser Wissen und Können erleben und bewerten.
In einem Zustand von Gefahr können Wissenslücken oder mögliche Fehler mehr Aufmerksamkeit und Bedeutung bekommen, während vorhandenes Wissen und bisherige Erfahrungen stärker in den Hintergrund treten.
Auch positive Einschätzungen anderer Menschen können in solchen Momenten weniger Aufmerksamkeit bekommen.
Und manchmal kann sogar die eigene körperliche oder emotionale Reaktion wie ein Hinweis darauf wirken, dass das eigene Können nicht ausreicht.
So kann unser Zustand dazu beitragen, dass sich Zweifel an unserem Wissen und Können in einem bestimmten Moment besonders glaubwürdig anfühlen.
Das Wissen um Zustände macht damit verständlicher, warum sich dasselbe Wissen und Können in einem Moment selbstverständlich und in einem anderen plötzlich unsicher anfühlen kann.
Die nächste Frage
Unser Zustand beeinflusst, wie wir unser Wissen und Können erleben und welche Gedanken über uns selbst plausibel erscheinen.
Damit stellt sich eine weitere Frage: Wie viel von dem, was wir in einem bestimmten Zustand über uns denken und fühlen, erzählt etwas über uns als Person – und wie viel erzählt zunächst etwas über diesen Moment?
Mit dieser Frage beschäftigt sich der nächste Artikel dieser Serie.












