Self-Leadership – was der Begriff heute meist meint
Vielleicht kennst du den Begriff Self-Leadership aus Führungsseminaren, aus Managementliteratur oder aus Gesprächen über Wirksamkeit und Karriere.
Oft wird er mit Eigenschaften verbunden wie:
- Zielorientierung
- Motivation
- Disziplin
- Wirksamkeit
In diesem Kontext meint Self-Leadership die Fähigkeit, sich zu organisieren, sich zu motivieren und das eigene Denken, Fühlen und Handeln so auszurichten, dass Ziele erreicht werden können.
Wer viel Verantwortung trägt, muss sich selbst führen können. Und Führung heißt hier meist, sich im Griff zu haben – motiviert, diszipliniert, zielstrebig.
Self-Leadership beschreibt in diesem Verständnis vor allem die äußerlich sichtbare Ebene von Führung.
Diese Ebene ist wichtig.
Doch ich finde, sie kommt zu früh.
Denn Self-Leadership braucht vor allem eins – Selbstkontakt.
Self-Leadership braucht Selbstkontakt
Wenn ich heute auf meinen eigenen Weg mit Self-Leadership zurückblicke, sehe ich vor allem eines:
- Ich konnte mich konsequent auf meine Ziele ausrichten.
- Ich war motiviert und diszipliniert.
- Ich hatte Durchhaltevermögen und Willenskraft.
- Ich war erfolgreich und erreichte meist meine Ziele.
Viele würden sagen: Ich kann Self-Leadership.
Dennoch kostete mich diese Zielerreichung unnötig viel Kraft und Energie, was letztlich zur Erschöpfung und Unzufriedenheit führte.
Heute weiß ich: Mir fehlte nicht Self-Leadership im klassischen Sinne. Mir fehlte Selbstkontakt.
Bevor wir uns nach Zielen ausstrecken, motiviert planen und diszipliniert handeln, braucht es Selbstkontakt.
Doch was ist Selbstkontakt eigentlich?
Was Selbstkontakt für Self-Leadership bedeutet
Selbstkontakt lässt sich für mich am besten als innerer Rahmen beschreiben, der Orientierung gibt, während wir planen, entscheiden und handeln.
Selbstkontakt bedeutet, ein Gespür für diesen Rahmen zu entwickeln.
Dieser Rahmen besteht aus vier Bereichen:
- Zustand
- Verantwortung
- Haltung
- Beziehung
Je bewusster dieser Rahmen wahrgenommen werden kann, desto stimmiger wird Self-Leadership.
Den eigenen Zustand zu erkennen, nimmt dabei eine besondere Rolle ein und ist zentral für Self-Leadership.
Zustand wahrnehmen – warum unser innerer Zustand Self-Leadership beeinflusst
Zustand beschreibt unsere körperliche, emotionale und mentale Verfassung in einer konkreten Situation.
Er entsteht aus der Summe dessen, was in einem Moment gleichzeitig in uns und um uns herum geschieht – aus dem, was wir im Außen wahrnehmen, und aus dem, was innerlich abläuft: Gedanken, Emotionen und körperliche Empfindungen.
Unser Zustand beeinflusst, wie wir uns selbst erleben, denken und handeln.
Eine wesentliche Rolle spielt dabei unser autonomes Nervensystem.
Das autonome Nervensystem nimmt konstant wahr, was in uns und um uns herum geschieht.
Dabei bewertet es unbewusst anhand unserer Erfahrungen, ob eine Situation als sicher, gefährlich oder lebensgefährlich eingestuft werden sollte.
Je nachdem, wie diese Bewertung ausfällt, reagiert es und verändert unseren Körper, unsere Gedanken und unsere Emotionen.
Das kann sich unterschiedlich zeigen.
Ein Gedanke an ein schwieriges Gespräch kann dazu führen, dass sich der Körper anspannt und ein Gefühl von Unruhe entsteht.
Eine körperliche Erschöpfung kann dazu führen, dass Gedanken langsamer werden und Entscheidungen schwerer fallen.
Ein Gefühl von Sicherheit kann sich in einem ruhigen Körper, klaren Gedanken und einem offenen Kontakt zu anderen zeigen.
Den eigenen Zustand wahrzunehmen ist zentral für Selbstkontakt.
Aus einem Zustand der Sicherheit heraus reagieren und handeln wir anders als aus einem Zustand von Gefahr oder Lebensgefahr.
Vielleicht beginnt Selbstkontakt deshalb mit einer einfachen Frage:
Aus welchem Zustand plane, entscheide und handle ich gerade?
Verantwortung – wofür wir wirklich zuständig sind
Der zweite Bereich von Selbstkontakt ist Verantwortung.
In unserem beruflichen und privaten Leben übernehmen wir unterschiedliche Rollen und mit jeder Rolle sind bestimmte Aufgaben verbunden.
Verantwortung bedeutet, sich bewusst zu sein, welche Rollen wir innehaben und welche Aufgaben an diese Rollen geknüpft sind – und welche nicht.
Im Alltag wird diese Klärung selten ausdrücklich vorgenommen.
Und so kann es geschehen, dass manche ihre Verantwortung nicht tragen und andere sie übernehmen, obwohl sie eigentlich nicht zu ihrer Rolle gehören.
Manchmal entstehen regelrechte Machtkämpfe um Verantwortung herum.
Das kann für Frustration, Unzufriedenheit und Ärger sorgen und viel Energie kosten.
Selbstkontakt bedeutet deshalb auch, Verantwortung bewusst zu übernehmen und bewusst zu begrenzen.
Vielleicht beginnt dieser Bereich von Selbstkontakt mit einer einfachen Frage:
Wofür bin ich tatsächlich verantwortlich?
Haltung – wie innere Haltung unser Handeln beeinflusst
Der dritte Bereich von Selbstkontakt ist Haltung.
Haltung beschreibt die innere Position, aus der heraus wir denken, fühlen und handeln.
Unsere Haltung ist in unserem Körper, unseren Gedanken und unseren Emotionen verankert und steht in enger Verbindung mit unserem Zustand.
Sie zeigt sich in unserer körperlichen Haltung, in unseren Bewegungen und in unserer Stimme.
In der Art, wie wir denken, sprechen und Situationen einordnen.
Und darin, wie wir Gefühle wahrnehmen und zum Ausdruck bringen.
Für mich ist Haltung wie ein Leuchtturm, der uns auf stürmischer See die Richtung weist und Halt gibt.
Wenn wir unsere innere Haltung zu stark an andere Menschen und ihre Erwartungen anpassen, kann es dazu führen, dass wir uns innerlich weniger stimmig fühlen und langfristig mehr Energie verbrauchen.
Vielleicht beginnt dieser Bereich von Selbstkontakt mit drei Fragen:
Was gibt mir Halt?
Welche Haltung nehme ich ein?
Wie verhalte ich mich?
Beziehung – warum Verbundenheit für Self-Leadership wichtig ist
Der vierte Bereich von Selbstkontakt ist Beziehung.
Beziehung beschreibt, wie wir zu uns selbst und zu anderen in Verbindung treten.
Dabei lassen sich drei grundlegende Formen von Beziehung unterscheiden:
Ich – Ich.
Die Beziehung zu uns selbst. Wie wir mit unserem Körper, unseren Gedanken, Emotionen und inneren Anteilen umgehen.
Ich – Du.
Die Beziehung zu einzelnen Menschen – zu Kolleginnen, Freunden, Partnern oder Fremden.
Ich – Wir.
Die Beziehung zu Gemeinschaften: zu Teams, Organisationen, Familien oder auch zur Gesellschaft und zur Natur.
In jeder Beziehung wirken unser Zustand, unsere Verantwortung und unsere Haltung und prägen entscheidend, wie wir uns selbst und anderen begegnen.
Beziehungen mit authentischem Kontakt und Verbundenheit können Energie schenken, Orientierung geben und ein Gefühl von Zugehörigkeit entstehen lassen.
Wenn Verbundenheit und Authentizität in Beziehungen weniger spürbar sind, kann das zu Unsicherheit führen und mehr Energie binden.
Vielleicht beginnt dieser Bereich von Selbstkontakt mit einer einfachen Frage:
Zu wem oder was stehe ich gerade in Beziehung – und wie möchte ich diese Beziehung gestalten?
Wie ich Self-Leadership verstehe
Nach vielen Jahren, in denen ich mich mit Selbstführung beschäftigt habe, verstehe ich Self-Leadership heute etwas anders als viele klassische Ansätze.
Für mich beginnt Self-Leadership nicht mit Zielklarheit, Disziplin oder Motivation.
Für mich beginnt Self-Leadership mit Selbstkontakt.
Mit der Fähigkeit, den eigenen Zustand wahrzunehmen.
Mit der Klarheit über Verantwortung und Zuständigkeit.
Mit einer Haltung, die Halt gibt, Präsenz ermöglicht und authentisches Verhalten unterstützt.
Und mit Beziehungen, die echten Kontakt und Verbindlichkeit ermöglichen.
Diese Art von Self-Leadership bietet einen inneren Rahmen, der es uns ermöglicht, effektiv zu handeln, unsere Ziele zu erreichen und dabei zufrieden und voller Energie zu sein.
Wenn Selbstkontakt fehlt
Viele Menschen können sehr erfolgreich sein ohne Selbstkontakt.
Sie erreichen ihre Ziele.
Sie treffen klare Entscheidungen.
Sie gestalten aktiv ihren beruflichen Weg.
Und vielleicht fragst du dich, warum Selbstkontakt dann überhaupt wichtig ist.
Selbstkontakt entscheidet darüber, ob unser Handeln sich innerlich stimmig anfühlt und wie viel Energie wir dafür ausgeben.
Wenn der eigene Zustand kaum wahrgenommen wird, kann sich unbemerkt Daueranspannung entwickeln, die den Raum für Regeneration reduziert.
Mit der Zeit kann sich das in körperlichen Beschwerden, Gereiztheit oder Erschöpfung zeigen.
Wenn Verantwortung unklar bleibt, kann es leicht geschehen, dass sie hin und her geschoben wird, liegen bleibt oder von uns übernommen wird.
Das kann Frustration oder Ärger auslösen, Energie binden und klare Entscheidungen erschweren.
Wenn wir unsere Haltung stark an äußere Erwartungen ausrichten, verlieren wir zunehmend den Zugang zu unserem inneren Halt und unserer Authentizität.
Mit der Zeit können sich zunehmende Unsicherheit und Unzufriedenheit entwickeln.
Wenn Beziehungen eher funktional gestaltet werden und Verbundenheit weniger spürbar ist, kann ein Gefühl von Leere entstehen und die Verbindung zu sich selbst und anderen weniger tragfähig werden.
Erfolg ist auch ohne Selbstkontakt möglich.
Doch der Preis zeigt sich häufig in nachlassender Energie, innerer Unzufriedenheit und einem geringeren Gefühl von Verbundenheit mit sich selbst und anderen.
Self-Leadership beginnt mit Selbstkontakt
Self-Leadership zeigt sich in dem, was wir tun: in Entscheidungen, im Umgang mit Herausforderungen und in Ergebnissen.
Selbstkontakt verändert nicht unbedingt, was wir tun, sondern wie wir es tun.
Wenn Zustand, Verantwortung, Haltung und Beziehung bewusst wahrgenommen und vielleicht auch gestaltet werden, kann sich die Qualität unseres Handelns verändern.
Es entsteht mehr Klarheit. Mehr innerer Halt. Mehr Stimmigkeit. Mehr Energie.
Vielleicht beginnt Self-Leadership nicht mit dem nächsten Ziel, sondern im Kontakt mit sich selbst.









