Wozu sind Zustände da?

Juni, 2026 | Selbstregulation

Serie: Zustände verstehen | Teil 2 

Zustände beeinflussen, wie wir denken, fühlen, entscheiden und handeln. 

Sie prägen, wie wir uns selbst erleben, wie wir andere Menschen wahrnehmen und welche Möglichkeiten wir in einer Situation sehen. 

Trotzdem sprechen wir im Alltag selten über Zustände. Häufig bemerken wir erst ihre Auswirkungen. 

In dieser Serie geht es darum, Zustände besser zu verstehen und ihren Einfluss auf Selbstregulation, Self-Leadership und Imposter-Erleben zu erkunden. 

Warum es sich lohnt, Zustände nicht nur zu erleben, sondern zu verstehen 

Vielleicht kennst du solche Momente. 

Du sitzt in einem Gespräch, das schwierig zu werden droht. Dein Gegenüber wird lauter. Der Druck steigt. Und plötzlich bist du ruhig, klar und fokussiert. Du weißt, was du sagen möchtest, und du sagst es auch. 

Doch dann in einer ähnlichen Situation reagierst du ganz anders. 

Eigentlich warst du gut auf das Gespräch vorbereitet. Du wusstest, was du sagen wolltest. Und trotzdem passiert nichts. Dein Körper erstarrt. Die Gedanken bleiben weg. Und kein Wort formt sich. 

Vielleicht fragst du dich später, warum du in ähnlichen Situationen so unterschiedlich reagierst. 

Wenn du den ersten Artikel dieser Serie gelesen hast, weißt du, dass Zustände von vielen Faktoren beeinflusst werden. 

Doch damit stellen sich weitere Fragen: 

Wozu sind Zustände eigentlich da? 

Welche Funktion erfüllen sie für unser System? 

Und weshalb organisiert unser System in ähnlichen Situationen unterschiedliche Zustände? 

Um diese Fragen geht es in diesem Artikel. 

Warum Zustände eng mit unserem Nervensystem verbunden sind 

Im ersten Artikel dieser Serie ging es darum, wie Zustände entstehen und welche Faktoren unseren Zustand beeinflussen. 

Dabei wurde deutlich, dass sich Zustände aus vielen unterschiedlichen Faktoren organisieren: 

  • innerliche Wahrnehmung 
  • äußerliche Wahrnehmung 
  • Erfahrungen und Bewertungen 
  • Beziehungen 
  • körperliche Verfassung 

Doch warum haben all diese Faktoren überhaupt Einfluss auf unsere Zustände? 

Um diese Frage besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf unser Nervensystem. 

Unser Nervensystem verarbeitet fortlaufend Informationen aus all diesen Bereichen. 

Der Neurowissenschaftler Stephen Porges, der die Polyvagaltheorie entwickelt hat, bezeichnet die unbewusste Einschätzung dieser Informationen als Neurozeption. 

Neurozeption beschreibt die fortlaufende und unbewusste Einschätzung des Nervensystems darüber, ob etwas eher sicher, gefährlich oder lebensgefährlich erscheint. 

Entscheidend ist dabei nicht, ob etwas objektiv sicher, gefährlich oder lebensgefährlich ist, sondern wie das Nervensystem die verfügbaren Informationen in diesem Moment einordnet. 

Warum Sicherheit für unser Nervensystem eine so zentrale Rolle spielt, erfährst du in diesem Artikel: 👉 Selbstregulation kann man nicht machen 

Wie Sicherheit, Gefahr und Lebensgefahr unsere Zustände beeinflussen 

Aus Sicht der Polyvagaltheorie lassen sich drei grundlegende Zustände des autonomen Nervensystems unterscheiden: 

  • Zustand der Sicherheit 
  • Zustand der Gefahr 
  • Zustand der Lebensgefahr 

Diese Grundzustände entstehen autonom und unbewusst. Sie lassen sich nicht willentlich steuern. 

Je nachdem, ob das Nervensystem eher Sicherheit, Gefahr oder Lebensgefahr wahrnimmt, werden unterschiedliche körperliche Reaktionen, Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen wahrscheinlicher. 

Wird ausreichend Sicherheit wahrgenommen, kann sich das Nervensystem in einem Zustand organisieren, der Entspannung, Verbindung, Offenheit, Lernen und Erholung unterstützt. 

Wird Gefahr wahrgenommen, organisiert sich das System stärker in Richtung Mobilisierung. Der Körper wird wacher. Energie wird bereitgestellt. Aufmerksamkeit richtet sich stärker auf mögliche Probleme oder Bedrohungen. 

Wird etwas als lebensgefährlich, überwältigend oder ausweglos eingeschätzt, kann sich das Nervensystem in Richtung Erstarrung organisieren. Rückzug, Abschalten oder innere Leere werden dann wahrscheinlicher. 

Vielleicht wird dadurch auch verständlicher, weshalb sich in scheinbar ähnlichen Situationen unterschiedliche Zustände organisieren können. 

Denn nicht jede ähnliche Situation wird vom Nervensystem gleich eingeschätzt. Je nachdem, welche Informationen wahrgenommen und wie sie eingeordnet werden, können unterschiedliche Zustände wahrscheinlicher werden. 

Eine wichtige Funktion von Zuständen besteht also darin, unser Erleben und Verhalten auf das auszurichten, was in einem bestimmten Moment als sicher, gefährlich oder lebensgefährlich eingeschätzt wird. 

Doch damit ist die Funktion von Zuständen noch nicht vollständig beschrieben. 

Warum wir so viele unterschiedliche Zustände erleben 

Gleichzeitig erleben wir im Alltag deutlich mehr Zustände als nur die Zustände von Sicherheit, Gefahr oder Lebensgefahr. Doch die drei Grundzustände bilden eine wichtige Grundlage für die vielen weiteren Zustände, die wir im Alltag erleben. 

Wir können zum Beispiel 

  • neugierige 
  • konzentrierte 
  • kreative 
  • verbundene 
  • wachsame 
  • angespannte 
  • erschöpfte 
  • zurückgezogene 
  • oder viele weitere Zustände erleben 

Diese Zustände bauen auf den Grundzuständen des Nervensystems auf. 

So werden neugierige, konzentrierte, kreative, verbundene oder entspannte Zustände häufig dann wahrscheinlicher, wenn ausreichend Sicherheit wahrgenommen wird. 

Wachsame, kontrollierende, leistungsorientierte oder angespannte Zustände entstehen häufig vor dem Hintergrund von unbewusst wahrgenommener Gefahr. 

Und erschöpfte, zurückgezogene, abgeschaltete oder innerlich leere Zustände werden wahrscheinlicher, wenn sich das Nervensystem in Richtung Lebensgefahr organisiert. 

Die Grundzustände des Nervensystems beeinflussen, welche weiteren Zustände sich organisieren können. 

Doch wozu organisieren sich diese unterschiedlichen Zustände überhaupt? 

Welche Aufgaben Zustände erfüllen 

Wie oben bereits kurz erwähnt, ist eine wichtige Funktion von Zuständen, unser Erleben und Verhalten auf das auszurichten, was das Nervensystem in einem bestimmten Moment als sicher, gefährlich oder lebensgefährlich einschätzt. 

Doch Zustände unterstützen nicht nur Schutz und Sicherheit. 

Sie helfen unserem System auch dabei, Aufmerksamkeit, Energie, Wahrnehmung und Verhalten auf das auszurichten, was in diesem Moment als wichtig oder notwendig eingeordnet wird. 

Dadurch beeinflussen sie, worauf sich unsere Aufmerksamkeit richtet, welche Gedanken wahrscheinlicher werden, welches Verhalten leichter zugänglich ist und wie viel Energie zur Verfügung steht. 

Welche Bedeutung dieses Zustandsbewusstsein für Entscheidungen, Verantwortung und Selbstführung hat, beschreibt der Artikel: Was Self-Leadership wirklich bedeutet

Einige Beispiele: 

Vor einer wichtigen Präsentation kann sich ein Zustand fokussierter Aufmerksamkeit organisieren. Aufmerksamkeit richtet sich stärker auf die bevorstehende Aufgabe. Energie wird bereitgestellt. Ablenkungen treten in den Hintergrund. Konzentration und Fokus werden dadurch wahrscheinlicher. 

Nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag kann sich ein Zustand der Erschöpfung organisieren. Das Bedürfnis nach Ruhe und Erholung tritt stärker in den Vordergrund. Aktivität wird weniger wahrscheinlich. Regeneration wird wichtiger als weitere Leistung oder Aktivität. 

Im Gespräch mit einem vertrauten Menschen kann sich ein Zustand von Verbundenheit organisieren. Aufmerksamkeit richtet sich stärker auf Kontakt und Beziehung. Offenheit wird wahrscheinlicher. Austausch und Verbindung rücken stärker in den Mittelpunkt. 

Diese Beispiele machen sichtbar, dass unterschiedliche Zustände unterschiedliche Funktionen unterstützen. 

Manche fördern Konzentration und Fokus. 

Andere unterstützen Kontakt, Lernen oder Zusammenarbeit. 

Wieder andere ermöglichen Erholung und Regeneration. 

Und manche richten Aufmerksamkeit und Energie stärker auf Schutz und Sicherheit aus. 

Zustände als Anpassungsleistungen 

Zustände organisieren Aufmerksamkeit, Energie, Wahrnehmung und Verhalten. 

Dadurch helfen sie unserem System, sich an das anzupassen, was das Nervensystem in einem bestimmten Moment unbewusst wahrnimmt und einordnet. 

In diesem Licht betrachtet können Zustände als Anpassungsleistungen unseres Systems verstanden werden. 

Und vielleicht wird dadurch auch verständlicher, warum selbst belastende oder störende Zustände nicht einfach Fehler sind. 

Häufig handelt es sich um den Versuch unseres Systems, auf etwas zu reagieren, das als wichtig, notwendig oder schützenswert eingeordnet wurde.  

Auch dann, wenn diese Reaktion für uns nicht hilfreich erscheint oder wir ihre Funktion zunächst nicht erkennen. 

Ein Blick auf das Wesentliche 

Zustände sind Anpassungsleistungen unseres Systems und helfen uns, Aufmerksamkeit, Energie, Wahrnehmung und Verhalten auf das auszurichten, was in einer konkreten Situation als wichtig, notwendig oder schützenswert erscheint. 

Zustände organisieren sich auf Grundlage dessen, was unser Nervensystem fortlaufend wahrnimmt und unbewusst als sicher, gefährlich oder lebensgefährlich einordnet. 

Zustände sind jedoch mehr als Nervensystemzustände. Sie beschreiben unsere körperliche, emotionale, mentale und relationale Verfassung in einem bestimmten Moment. 

Die nächste Frage 

Wenn Zustände Anpassungsleistungen unseres Systems sind, stellt sich vielleicht eine weitere Frage: Warum organisieren sich dann überhaupt Zustände, die sich belastend, anstrengend oder wenig hilfreich anfühlen? 

Warum geraten manche Menschen immer wieder in Selbstzweifel, Anspannung, Grübeln oder Überforderung? 

Und weshalb halten sich solche Zustände oft so hartnäckig, obwohl wir wissen, dass sie uns nicht guttun? 

Mit diesen Fragen beschäftigt sich der nächste Artikel der Serie. Warum belastende Zustände immer wieder entstehen

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