Warum belastende Zustände immer wieder entstehen

Juni, 2026 | Selbstregulation

Serie: Zustände verstehen | Teil 3 

Zustände beeinflussen, wie wir denken, fühlen, entscheiden und handeln. 

Sie prägen, wie wir uns selbst erleben, wie wir andere Menschen wahrnehmen und welche Möglichkeiten wir in einer Situation sehen. 

Trotzdem sprechen wir im Alltag selten über Zustände. Häufig bemerken wir erst ihre Auswirkungen. 

In dieser Serie geht es darum, Zustände besser zu verstehen und ihren Einfluss auf Selbstregulation, Self-Leadership und Imposter-Erleben zu erkunden. 

Wenn belastende Zustände immer wieder auftauchen 

Vielleicht kennst du solche Momente. 

Tagelang hast du dich auf eine wichtige Präsentation vorbereitet. Du kennst die Fakten. Dennoch kreisen deine Gedanken immer wieder um dieselben Fragen. 

  • Habe ich wirklich an alles gedacht? 
  • Was, wenn eine Frage kommt, die ich nicht beantworten kann? 
  • Was, wenn ich etwas Wichtiges übersehen habe? 

Immer wieder gehst du in Gedanken die Präsentation durch und selbst nachts fällt es dir schwer, Ruhe zu finden. 

Wenn du die vorherigen Artikel dieser Serie gelesen hast, dann weißt du, dass hinter diesen Gedanken ein bestimmter Zustand steht. 

Und du weißt auch, dass Zustände uns helfen, Aufmerksamkeit, Energie, Wahrnehmung und Verhalten auf das auszurichten, was in einer konkreten Situation als wichtig, notwendig oder schützenswert erscheint

Und vielleicht fragst du dich jetzt: 

  • Wie soll mich ein Zustand unterstützen, der mich erschöpft? 
  • Wieso soll es hilfreich sein, wenn immer wieder dieselben Gedanken durch meinen Kopf kreisen? 
  • Und wie soll mir eine schlaflose Nacht dabei helfen, eine gute Präsentation zu halten? 

Um diese Fragen geht es in diesem Artikel. 

Warum belastende Zustände oft nicht dort beginnen, wo wir sie vermuten 

Vielleicht beginnt die Antwort auf diese Fragen an einer anderen Stelle, als du zunächst vermutest. 

Bleiben wir bei der Präsentation. 

Aus Sicht des autonomen Nervensystems geht es dabei möglicherweise um mehr als um Folien und die richtigen Worte. 

Vielleicht geht es um Sichtbarkeit, Kompetenz oder Anerkennung. Also um etwas, das für dich wichtig ist. 

Wenn unser autonomes Nervensystem etwas als wichtig, notwendig oder schützenswert einstuft, organisiert es einen entsprechenden Zustand. Meist den Zustand der Gefahr. 

Der Zustand der Gefahr bedeutet, dass dein System mehr Aufmerksamkeit, mehr Energie und mehr Wachsamkeit auf das richtet, was als bedeutsam wahrgenommen wird. Und genau darin liegt die Funktion von Zuständen. 

In diesem Licht betrachtet ist es zunächst nachvollziehbar, dass sich vor einer wichtigen Präsentation ein Zustand der Gefahr organisiert. 

Damit ist allerdings noch nicht beantwortet, wie dir eine schlaflose Nacht dabei helfen soll, am nächsten Tag eine gute Präsentation zu halten. 

Wie wir zwischen Gefahr und Sicherheit pendeln 

Eine schlaflose Nacht hilft dir sicherlich nicht, am nächsten Tag eine bessere Präsentation zu halten. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass der ursprüngliche Zustand der Gefahr sinnlos war. 

Der Zustand der Gefahr ist nicht als Dauerzustand gedacht. 

Ich stelle mir den Zustand der Gefahr wie einen Feuerwehreinsatz vor. Wenn der Notruf eingeht, wird innerhalb kürzester Zeit Energie mobilisiert. Ressourcen werden gebündelt. Aufmerksamkeit richtet sich auf das Ereignis. 

Doch nach dem Einsatz fährt die Feuerwehr zurück zur Wache. Fahrzeuge und Materialien werden gepflegt. Die Einsatzkräfte kommen zur Ruhe und sammeln neue Kraft für den nächsten Einsatz. 

Ähnlich verhält es sich mit unserem autonomen Nervensystem. Nach Phasen der Gefahr versucht unser System wieder in den Zustand der Sicherheit zurückzukehren. 

Denn hier verbrauchen wir weniger Energie. Hier können wir uns erholen, lernen, mit anderen Menschen in Verbindung treten und neue Kraft aufbauen. 

Warum Sicherheit für unser Nervensystem eine so zentrale Rolle spielt und weshalb Selbstregulation nicht willentlich hergestellt werden kann, beschreibt der Artikel Selbstregulation kann man nicht machen. 

Bei einer bevorstehenden Präsentation, die unser Nervensystem als relevant und potenziell bedrohlich einstuft, ist das allerdings nicht so einfach. Denn eine Präsentation begleitet uns meist über mehrere Tage. 

Vielleicht denkst du morgens daran. Vielleicht taucht das Thema in einem Gespräch auf. Vielleicht öffnest du abends noch einmal deine Unterlagen. 

Und damit kehrt auch immer wieder der Zustand der Gefahr zurück. 

Wenn wir versuchen, Sicherheit herzustellen 

Wenn der Zustand der Gefahr immer wieder zurückkehrt, beginnt unser System unbewusst nach mehr Sicherheit zu suchen. 

Doch wie versucht unser System eigentlich, diese Sicherheit herzustellen? 

Oft zeigt sich das in kleinen, alltäglichen Handlungen, die uns völlig selbstverständlich erscheinen. 

Um bei unserem Beispiel zu bleiben, könnte das vielleicht so aussehen: 

  • Vielleicht gehst du die Folien noch einmal durch. 
  • Vielleicht überlegst du, welche Fragen gestellt werden könnten. 
  • Vielleicht prüfst du erneut, ob du an alles gedacht hast. 
  • Vielleicht suchst du nach dem einen Fehler, den du bisher übersehen haben könntest. 
  • Vielleicht formulierst du einzelne Antworten noch einmal neu. 

All diese Aktionen verfolgen unbewusst ein gemeinsames Ziel: Mehr Sicherheit herzustellen. 

Zunächst klappt das auch. Der Druck lässt nach. Die Spannung schwindet. Die Gedanken kommen etwas mehr zur Ruhe. 

Für einen Moment scheint die Situation lösbar.  

Wenn die Suche nach Sicherheit neue Gefahr aktiviert 

Doch wenn diese Strategien helfen, warum beginnt dann die Anspannung nach einiger Zeit erneut? 

Die Antwort liegt in der Art und Weise, wie wir versuchen Sicherheit herzustellen. 

Bleiben wir bei der Präsentation. 

Wenn du die Folien noch einmal durchgehst, beschäftigst du dich erneut mit der Präsentation. 

Wenn du mögliche Fragen durchspielst, richtest du deine Aufmerksamkeit erneut auf das, was schwierig werden könnte. 

Wenn du prüfst, ob du etwas übersehen hast, suchst du erneut nach möglichen Problemen. 

All diese Strategien sollen Sicherheit herstellen. 

Gleichzeitig richten sie die Aufmerksamkeit immer wieder auf die potenzielle Gefahr. 

Die Präsentation wird dadurch erneut als wichtig, relevant und schützenswert markiert. 

Und genau das kann dazu führen, dass sich der Zustand der Gefahr erneut organisiert und die Anspannung zurückkehrt. 

So kann eine fortlaufende Bewegung zwischen Gefahr und Sicherheit entstehen. 

Jeder belastende Zustand folgt einem eigenen Rezept 

Doch reicht das Grübeln allein schon aus, um eine schlaflose Nacht zu erklären? 

Wahrscheinlich nicht. 

Das Grübeln spielt eine wichtige Rolle, um den Zustand der Gefahr immer wieder zu aktivieren. Doch für schlaflose Nächte braucht es meistens weitere Faktoren. 

Wie du dich vielleicht erinnerst, gibt es verschiedene Kategorien, aus denen Zustände entstehen. Diese sind: 

  • innere Wahrnehmungen 
  • äußere Wahrnehmungen 
  • Erfahrungen und Bewertungen 
  • andere Menschen 
  • und unsere körperliche Verfasstheit 

Die Faktoren, die zu einer schlaflosen Nacht vor einer Präsentation beitragen, stammen meist aus mehreren dieser Kategorien. 

Hier einige Beispiele: 

Katja steht kurz vor einer Präsentation, von der eine wichtige Beförderung abhängen könnte. 

Für Katja bedeutet diese Beförderung weit mehr als den nächsten Karriereschritt. Sie möchte ihren Eltern zeigen, dass sich ihre Anstrengungen gelohnt haben. Sie möchte beweisen, dass sie ihren Platz verdient hat. 

Je näher die Präsentation rückt, desto häufiger malt sie sich aus, was passieren würde, wenn sie die Beförderung nicht bekommt. 

Immer wieder tauchen dieselben Gedanken auf: 

  • Ich darf das nicht vermasseln. 
  • Das ist meine Chance. 
  • Ich muss zeigen, dass ich es kann. 

In Gedanken geht sie die Präsentation immer wieder durch. Sie überlegt, welche Fragen gestellt werden könnten und welche Antworten die besten wären. 

Ihre Nächte werden zunehmend unruhiger. Morgens braucht sie Kaffee, um wach zu werden. Abends greift sie zu einem Glas Rotwein, in der Hoffnung, doch noch schlafen zu können. 

Solche Dynamiken zeigen sich häufig auch beim Imposter-Erleben. Warum Selbstzweifel oft weniger mit mangelnder Kompetenz als mit Stress, Anpassung und Sicherheit zu tun haben, beschreibt der Artikel Imposter-Syndrom: Stress statt Denkfehler. 

 

Anne kennt ihr Thema gut. Doch vor einigen Wochen wurde sie von einer Kollegin während einer Präsentation scharf kritisiert. 

Sie versuchte ihre Ideen zu erklären, doch die Kollegin ließ nicht locker. Eine kritische Frage folgte der nächsten. Irgendwann fielen Anne keine Antworten mehr ein und sie fühlte sich hilflos. 

Je näher der Präsentationstermin rückt, desto häufiger denkt sie darüber nach, welche kritischen Rückfragen kommen könnten und wie sie darauf reagieren sollte. 

Nachts wacht sie immer wieder auf und diskutiert in Gedanken mit ihrer Kollegin. Doch nie findet sie die richtigen Antworten. 

Irgendwann plagen sie sogar Albträume. 

Anne versucht es mit Beruhigungstees und warmen Bädern, doch nichts scheint wirklich zu helfen. 

Für Maria ist die Präsentation weniger das Problem, doch seit Wochen sind ihre Tage übervoll. Ein Termin folgt auf den nächsten. Für Pausen bleibt kaum Zeit und abends arbeitet sie häufig länger als geplant. 

Als ihr Chef sie bittet, die Präsentation vor wichtigen Kunden zu übernehmen, sagt sie sofort zu. Schließlich kennt sie sich mit dem Thema bestens aus. 

Schon als sie zusagt, spürt sie, dass sie besser nein gesagt hätte. Doch sie möchte ihren Chef nicht hängen lassen und vermeiden, dass die Firma vor den Kunden schlecht dasteht. 

Weil sie so viel zu tun hat, bereitet sie die Präsentation häufig erst abends kurz vor dem Schlafengehen vor. Anschließend fällt sie erschöpft ins Bett. 

Doch an Schlaf ist nicht zu denken. Immer wieder fragt sie sich: Habe ich wirklich an alles gedacht? 

Morgens wacht sie erschöpft auf. 

Hinter ähnlichen Zuständen können unterschiedliche Rezepte liegen 

Alle drei Frauen erleben vor ihrer Präsentation schlaflose Nächte. Alle drei kommen immer wieder in den Zustand der Gefahr. 

Und doch unterscheiden sich ihre Zustände und auch die Faktoren, die zu diesen Zuständen beitragen. 

Für mich ist das ein wenig wie beim Kochen. Manchmal können unterschiedliche Zutaten zu einem Ergebnis führen, das auf den ersten Blick sehr ähnlich aussieht. Erst wenn man genauer hinschaut, wird sichtbar, welche Zutaten hineingekommen sind. 

Ähnlich verhält es sich mit unseren Zuständen. Gedanken, Erinnerungen, Bewertungen, andere Menschen, körperliche Erschöpfung oder die Art und Weise, wie wir versuchen Sicherheit herzustellen, sind bei jeder Person anders. Dennoch können die daraus entstehenden Zustände auf den ersten Blick ähnlich wirken – wie bei Katja, Anne und Maria, die alle vor ihrer Präsentation nicht schlafen konnten. 

Vielleicht ist nicht der Zustand das eigentliche Problem 

Kehren wir noch einmal zu den Fragen vom Anfang zurück. 

  • Wie soll dich ein Zustand unterstützen, der dich erschöpft? 
  • Wieso soll es hilfreich sein, wenn immer wieder dieselben Gedanken durch deinen Kopf kreisen? 
  • Und wie soll dir eine schlaflose Nacht dabei helfen, eine gute Präsentation zu halten? 

Die kurze Antwort lautet: Gar nicht. 

Eine schlaflose Nacht hilft dir nicht dabei, am nächsten Tag eine bessere Präsentation zu halten. Und auch stundenlanges Grübeln macht deine Gedanken nicht klarer. 

Doch bedeutet das, dass der ursprüngliche Zustand der Gefahr sinnlos war? 

Der Zustand der Gefahr soll Aufmerksamkeit organisieren und Energie bereitstellen. Er soll dazu beitragen, dass etwas Wichtiges geschützt wird. Und bei Katja, Anne und Maria war das zunächst auch der Fall. 

Belastend wurden ihre Zustände erst dort, wo verschiedene Zutaten zusammenwirkten und den Zustand der Gefahr immer wieder neu entstehen ließen. 

Vielleicht liegt das eigentliche Problem deshalb nicht im Zustand der Gefahr selbst. Vielleicht liegt es am Rezept, das diesen Zustand immer wieder aufs Neue aktiviert. 

Ein Blick auf das Wesentliche 

Vielleicht wird jetzt etwas deutlicher, warum belastende Zustände häufig nicht dort entstehen, wo wir sie zunächst vermuten. 

Der Zustand der Gefahr ist zunächst eine nachvollziehbare Reaktion auf etwas, das wichtig, notwendig oder schützenswert erscheint. 

Auch die Strategien, mit denen wir versuchen Sicherheit herzustellen, ergeben häufig Sinn. 

Belastend wird es oft erst dann, wenn verschiedene Zutaten zusammenwirken und daraus ein Rezept entsteht, das den Zustand der Gefahr immer wieder neu organisiert. 

Gedanken, Erinnerungen, Bewertungen, andere Menschen, körperliche Verfassung und Sicherheitsstrategien wirken dabei selten isoliert voneinander. 

Sie beeinflussen sich gegenseitig und tragen gemeinsam dazu bei, welcher Zustand sich organisiert. 

Vielleicht lohnt sich deshalb bei belastenden Zuständen nicht nur die Frage, welcher Zustand gerade aktiv ist. 

Vielleicht lohnt sich auch die Frage, aus welchen Zutaten dieser Zustand entstanden ist. 

Die nächste Frage 

Vielleicht stellt sich damit noch eine andere Frage: Was tun wir eigentlich, wenn wir einen Zustand nicht erleben möchten? 

Mit dieser Frage beschäftigt sich der nächste Artikel der Serie.

Weitere Beiträge

Was sind Zustände

Was sind Zustände

Zustände beeinflussen, wie wir denken, fühlen, entscheiden und handeln. Der Artikel erklärt, was Zustände sind, wie sie entstehen und warum sie unser Erleben prägen.

mehr lesen
Logo Kregel Coaching – Selbstregulation und Self-Leadership bei Imposter-Syndrom
DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner