Serie: Zustände verstehen | Teil 5
Zustände beeinflussen, wie wir denken, fühlen, entscheiden und handeln.
Sie prägen, wie wir uns selbst erleben, wie wir andere Menschen wahrnehmen und welche Möglichkeiten wir in einer Situation sehen.
Trotzdem sprechen wir im Alltag selten über Zustände. Häufig bemerken wir erst ihre Auswirkungen.
In dieser Serie geht es darum, Zustände besser zu verstehen und ihren Einfluss auf Selbstregulation, Self-Leadership und Imposter-Erleben zu erkunden.
Wenn wir immer wieder auf dieselbe Weise reagieren
Vielleicht kennst du solche Momente.
Du sitzt an deinem Schreibtisch und bist in eine Aufgabe vertieft. Ein Gedanke folgt dem nächsten. Du bist konzentriert, klar und ganz bei der Sache.
Dann erscheint auf deinem Bildschirm eine kurze Nachricht, und dein Magen zieht sich zusammen.
Du stehst auf und gehst in die Küche. Jetzt brauchst du erst einmal etwas zu naschen. Schnell ist das unangenehme Gefühl vergessen.
Wenn du die vorherigen Artikel dieser Serie gelesen hast, dann weißt du, dass sich in dem Moment, als die Nachricht erschien, dein Zustand verändert hat.
Du weißt auch, dass wir oft durch unser Verhalten versuchen, unangenehme Zustände zu verändern, zu vermeiden oder schneller zu verlassen.
„Doch was geschieht, wenn wir dieses Verhalten immer wieder nutzen, sobald ein Zustand unangenehm wird?“
Wann wird aus einem Verhalten ein Muster?
Und wann wird aus einem solchen Muster eine Schutzstrategie?
Um diese Fragen geht es in diesem Artikel.
Wenn aus einem Verhalten ein Muster wird
Vielleicht erinnerst du dich noch an Katja.
Katja steht kurz vor einer wichtigen Präsentation. Fachlich kennt sie ihr Thema gut. Sie ist vorbereitet, die Folien sind erstellt und sie weiß, worum es geht.
Dennoch findet sie keine Ruhe.
Jeden Abend prüft sie aufs Neue ihre Präsentation. Sie liest die Folien noch einmal durch, passt Formulierungen an und überlegt, wie sie es noch besser machen könnte.
Für einen kurzen Moment wird es ruhiger in ihr.
Doch die Ruhe hält nicht lange an. Bald tauchen neue Gedanken auf und Katja fängt wieder von vorne an.
Im dritten Artikel dieser Serie ging es bereits darum, dass wir häufig unbewusst versuchen, durch unser Verhalten wieder in den Zustand der Sicherheit zu gelangen.
Doch ab wann wird aus diesem Verhalten ein immer wiederkehrendes Muster?
Wenn Verhalten vertraut wird
Katja kennt dieses Verhalten schon lange.
Schon in der Schule prüfte und überarbeitete sie vor Referaten immer wieder ihre Unterlagen. Ihre Lehrkräfte lobten sie für die gründliche Vorbereitung und belohnten sie für ihre Mühen mit sehr guten Noten.
Im Studium setzte sich dieser Weg fort. Nächtelang überarbeitete Katja ihre Hausarbeiten, obwohl ihre Kommilitonen sie bereits sehr gut fanden. Und auch hier wurde sie immer wieder für ihre Genauigkeit und Sorgfalt mit sehr guten Noten belohnt.
Und so wurde aus einem Verhalten, das anfangs vielleicht dabei half, durch Erfolg, Anerkennung und positive Resonanz wieder in den Zustand der Sicherheit zu gelangen, mit der Zeit ein immer wiederkehrendes Muster.
Hier zwei weitere Beispiele:
Anne sitzt in einer Besprechung und plötzlich sagt ihre Chefin etwas über sie, das wahrscheinlich lustig gemeint war.
Anne spürt, wie ihr die Hitze ins Gesicht steigt und sich ihre Hände zu Fäusten ballen.
Die anderen sprechen weiter, so als wäre nichts gewesen. Doch Anne kann es kaum noch erwarten, den Raum zu verlassen.
Nach der Besprechung beschließt sie, früher Feierabend zu machen. Auf dem Heimweg hält sie bei einer Bäckerei und kauft sich ein großes Stück Kuchen.
Der Duft des Kuchens lässt die Peinlichkeit für einen Moment weiter wegrücken. Und eine Erinnerung an ihre herzliche Mutter wird wach.
Wenn Anne in der Schule vor anderen bloßgestellt wurde und ihre Mutter auf dem Nachhauseweg merkte, wie sehr sie sich ärgerte und schämte, ging sie oft mit ihr Kuchen essen. Für Anne war das ein Moment der Geborgenheit.
Und so wurde aus einem Verhalten, das anfangs vielleicht dabei half, nach einer Beschämung wieder näher an den Zustand der Sicherheit und Geborgenheit zu gelangen, mit der Zeit ein wiederkehrendes Muster.
Maria sitzt an ihrem Schreibtisch, als ihr Chef in der Tür steht und fragt, ob sie noch eine Aufgabe übernehmen kann.
Ihr Tag ist bereits übervoll und sie möchte für einen kurzen Moment Nein sagen.
Doch plötzlich wird es enger in ihr. Es ist, als läge eine knisternde Spannung in der Luft, und Maria kann kaum noch atmen.
Also sagt sie Ja. Und die Spannung schwindet.
Schon als Kind spürte Maria diese knisternde Spannung und Enge in ihrem Hals, wenn ihr Bruder sich weigerte, den Anweisungen des Vaters zu folgen. Deswegen erledigte sie dann schnell die verlangten Aufgaben. Und die Spannung verschwand.
Und so wurde aus einem Verhalten, das anfangs vielleicht dabei half, Beziehungsspannungen zu lösen und wieder näher an den Zustand der Sicherheit zu gelangen, mit der Zeit ein vertrautes Muster.
Die Beispiele von Katja, Anne und Maria zeigen, wie aus einem Verhalten mit der Zeit ein wiederkehrendes Muster werden kann.
Doch wann wird aus einem Muster eine Schutzstrategie?
Wie aus einem Muster eine Schutzstrategie wird
Nicht jedes Muster ist bereits eine Schutzstrategie.
Ein Muster beschreibt zunächst nur, dass etwas in bestimmten Situationen immer wiederkehrt: ein spezifischer Gedanke, ein Verhalten, eine Körperreaktion, ein innerer Impuls oder eine Art, Beziehungen zu gestalten.
Zur Schutzstrategie wird ein Muster erst, wenn es im inneren Erleben eine schützende Funktion übernimmt.
Bei Katja geht es nicht nur darum, dass sie ihre Präsentation immer wieder überprüft. Es geht darum, dass dieses Prüfen sie vor negativer Bewertung, Beschämung, Angreifbarkeit oder dem Gefühl schützen soll, nicht gut genug zu sein.
Bei Anne geht es nicht nur darum, nach einem beschämenden Moment Kuchen zu kaufen und sich zurückzuziehen. Es geht darum, dass dieses Verhalten Beschämung beruhigt, Abstand schafft und sie wieder näher an Geborgenheit oder Sicherheit bringt.
Bei Maria geht es nicht nur darum, dass sie Ja sagt, obwohl sie innerlich ein deutliches Nein spürt. Es geht darum, dass dieses Ja Beziehungsspannungen löst, Zugehörigkeit sichert und die innere Enge beruhigt.
Eine Schutzstrategie ist also ein wiederkehrendes Denk-, Verhaltens- oder Beziehungsmuster, mit dem Menschen versuchen, einen schwer auszuhaltenden Zustand zu regulieren und wieder näher an den Zustand der Sicherheit zu gelangen.
Entscheidend ist deshalb nicht allein, was jemand tut. Entscheidend ist auch, welche Funktion dieses Verhalten im inneren Erleben übernimmt.
Wenn Schutzstrategien helfen, das innere Erleben zu beruhigen, zu ordnen oder für einen Moment erträglicher zu machen, warum kosten sie dann manchmal so viel Energie?
Warum Schutzstrategien langfristig Energie kosten können
Einen Grund kennst du bereits aus Artikel 3 dieser Serie: Viele Schutzstrategien können kurzfristig einen Zustand von Sicherheit herstellen und zugleich die Aufmerksamkeit immer wieder auf mögliche Gefahren richten.
Wenn Katja ihre Präsentation überprüft, sucht sie auch nach dem, was noch fehlen könnte. Nach einer unklaren Formulierung. Nach einer möglichen Frage. Nach einem Fehler, der ihr später vorgehalten werden könnte.
So kann das Prüfen sie für einen Moment beruhigen und gleichzeitig den Zustand der Gefahr wieder aktivieren.
Doch neben dieser erneuten Aktivierung gibt es weitere Gründe, warum Schutzstrategien langfristig viel Energie kosten können.
Wenn innere Stimmigkeit verloren geht
Schutzstrategien können Energie kosten, weil sie nicht immer mit dem übereinstimmen, was innerlich stimmig ist.
Bei Katja richtet sich die Aufmerksamkeit immer wieder auf das, was andere vielleicht hören wollen oder wichtig finden. Dabei kann aus dem Blick geraten, was sie selbst sagen möchte, was ihr an ihrem Thema wichtig ist oder wann etwas gut genug ist.
Bei Anne schafft der Rückzug Abstand und Trost. Doch die Beziehung zu den anderen bleibt ungeklärt. Die Beschämung wird im Privaten beruhigt, aber der Moment selbst findet keinen Ausdruck. Was sie verletzt hat, was sie gebraucht hätte oder was sie vielleicht gerne gesagt hätte, bleibt in ihr.
Bei Maria schwinden Spannung und Enge, wenn sie Ja sagt. Doch sie überschreitet ihre innere Belastungsgrenze und entfernt sich von dem, was sie wahrnimmt, braucht oder eigentlich mitteilen möchte.
Wenn innere Stimmigkeit verloren geht, kostet uns das häufig viel Energie. Denn wir müssen innerlich etwas halten, das wir äußerlich nicht zum Ausdruck bringen können oder dürfen.
Das erzeugt eine innere Spannung, die wir meist nicht bewusst wahrnehmen. Oft wundern wir uns nur, warum wir an manchen Tagen mehr Energie brauchen als an anderen.
Wenn Sicherheit an äußere Bedingungen gebunden bleibt
Schutzstrategien können vermehrt Energie kosten, wenn sie Sicherheit an äußere Bedingungen binden.
Auch wenn Katja sich noch mehr vorbereitet, noch mehr absichert und noch mehr überprüft, liegt es nicht vollständig in ihrem Einflussbereich, wie andere ihre Präsentation aufnehmen werden.
Je stärker ihre Sicherheit davon abhängt, nicht kritisiert, nicht bloßgestellt oder nicht negativ bewertet zu werden, desto mehr bleibt ihr System mit etwas beschäftigt, das es nicht vollständig kontrollieren kann.
Auch wenn Anne sich zurückzieht und den Kontakt zu den anderen unterbricht, kann sie nicht verhindern, dass Menschen sich zukünftig wieder unachtsam, beschämend oder verletzend verhalten.
Je stärker ihre Sicherheit davon abhängt, beschämende Situationen zu vermeiden oder möglichst schnell zu verlassen, desto mehr bleibt ihr System damit beschäftigt, Abstand herzustellen, sobald Nähe unsicher wird.
Auch wenn Maria Ja sagt und die Spannung im Raum nachlässt, kann sie nicht dauerhaft sicherstellen, dass Beziehungen ruhig, harmonisch und spannungsfrei bleiben.
Je stärker ihre Sicherheit davon abhängt, dass keine Enttäuschung, Irritation oder Spannung entsteht, desto mehr bleibt ihr System damit beschäftigt, die Stimmung anderer zu beobachten und den Kontakt zu stabilisieren.
So bleibt das System immer wieder mit etwas beschäftigt, das nur begrenzt beeinflussbar ist. Und das kostet Energie.
Wenn Schutzstrategien den Körper belasten
Manche Schutzstrategien belasten den Körper und kosten auf diese Weise Energie.
Wenn wir zum Beispiel versuchen, einen unangenehmen Zustand über zu viel Essen, zu viel Alkohol oder nächtelange Partys zu verändern.
Für einen Moment kann das entlasten.
Doch der Körper muss viel Energie aufwenden, um Alkohol und ein Zuviel an Nahrung zu verstoffwechseln.
Außerdem fehlt ihm durch manche dieser Verhaltensweisen die Zeit zur Regeneration.
Warum Schutzstrategien einmal Sinn ergaben
Viele Schutzstrategien entstanden in unserer frühen Kindheit.
Also in einer Lebensphase, in der wir zum ersten Mal mit Beschämung, Überforderung, Unsicherheit oder Beziehungsspannungen konfrontiert wurden und noch keine anderen Strategien kannten, um damit umzugehen.
Ob ein Verhalten langfristig unnötig viel Energie kostete, innerlich stimmig war oder Sicherheit im Außen suchte, spielte damals keine Rolle.
Denn damals ging es nur darum, Sicherheit oder Zugehörigkeit irgendwie möglich zu machen. Vielleicht durch Anpassung. Vielleicht durch Rückzug. Vielleicht durch bessere Leistungen. Vielleicht durch Kontrolle. Vielleicht durch das Bemühen, keine zusätzlichen Spannungen entstehen zu lassen.
Und wenn eine Strategie irgendwie geholfen hatte, würde sie vielleicht auch zukünftig helfen. Also wurde sie wieder und wieder angewandt, bis sie ganz natürlich wurde.
Auch als Erwachsene greifen wir meist auf diese vertrauten Strategien zurück. Denn sie sind schnell verfügbar, wenn innere Anspannung, Beschämung, Unsicherheit oder Spannungen in Beziehungen auftauchen.
Doch meist spüren wir irgendwann, dass unsere Schutzstrategien von einst viel Energie kosten und nicht mehr wirklich stimmig mit dem sind, was uns richtig und wichtig erscheint.
Ein Blick auf das Wesentliche
Schutzstrategien sind wiederkehrende Muster, mit denen Menschen versuchen, schwer auszuhaltende Zustände zu regulieren und wieder näher an den Zustand der Sicherheit zu gelangen.
Viele Schutzstrategien ergeben Sinn, weil sie helfen sollen, Sicherheit, Zugehörigkeit oder Orientierung zu ermöglichen.
Langfristig können sie jedoch Energie kosten, Sicherheit stark an äußere Bedingungen binden, den Kontakt zur inneren Stimmigkeit schwächen oder den Körper belasten.
Die nächste Frage
Wenn Schutzstrategien Energie kosten und nicht mehr wirklich stimmig sind, stellt sich eine weitere Frage: Warum halten wir an Strategien fest, obwohl wir längst spüren, dass sie uns nicht mehr wirklich guttun?
Mit dieser Frage beschäftigt sich der nächste Artikel dieser Serie.










