Serie: Zustände verstehen | Teil 9
Zustände beeinflussen, wie wir denken, fühlen, entscheiden und handeln.
Sie prägen, wie wir uns selbst erleben, wie wir andere Menschen wahrnehmen und welche Möglichkeiten wir in einer Situation sehen.
Trotzdem sprechen wir im Alltag selten über Zustände. Häufig bemerken wir erst ihre Auswirkungen.
In dieser Serie geht es darum, Zustände besser zu verstehen und ihren Einfluss auf Selbstregulation, Self-Leadership und Imposter-Erleben zu erkunden.
Wenn dieselben Aufgaben plötzlich anders wirken
Vielleicht kennst du solche Momente.
Am Morgen schaust du auf die Aufgaben, die du heute erledigen möchtest. Du weißt, womit du anfangen möchtest. Du kannst gut einschätzen, was wichtig ist und was warten kann. Und die einzelnen Aufgaben wirken überschaubar.
Doch bevor du anfängst, klingelt das Telefon. Das Gespräch ist sehr angespannt und du ärgerst dich.
Als du anschließend wieder auf deine Aufgaben schaust, wirken sie plötzlich anders. Du weißt nicht mehr recht, womit du anfangen sollst. Alles scheint wichtig und dringend. Und selbst Aufgaben, die eben noch überschaubar wirkten, fühlen sich plötzlich groß an.
Wenn du die bisherigen Artikel dieser Serie gelesen hast, dann weißt du, dass unser Zustand beeinflusst, wie wir Situationen wahrnehmen, welche Gedanken wahrscheinlicher werden und welche Handlungsmöglichkeiten wir sehen.
Doch was bedeutet das für Self-Leadership?
Führen wir uns aus jedem Zustand heraus auf die gleiche Weise?
Und wie beeinflusst unser Zustand, wie wir planen, entscheiden und handeln?
Um diese Fragen geht es in diesem Artikel.
Wie unser Zustand unsere Selbstführung beeinflusst
Kehren wir noch einmal zu den Aufgaben zurück.
Vor dem Telefonat wusstest du, womit du anfangen möchtest. Du konntest gut einschätzen, was wichtig ist und was warten kann. Und die einzelnen Aufgaben wirkten überschaubar.
Nach dem Gespräch weißt du nicht mehr recht, womit du anfangen sollst. Alles scheint wichtig und dringend und die Aufgaben wirken plötzlich größer.
Die Aufgaben sind dieselben. Doch dein Zustand hat sich verändert.
Unser Zustand beeinflusst, worauf sich unsere Aufmerksamkeit richtet, welche Gedanken wahrscheinlicher werden, wie wir Situationen einordnen und welche Handlungsmöglichkeiten wir sehen.
In einem Zustand von Sicherheit können wir häufig mehr Aspekte einer Situation gleichzeitig wahrnehmen. Wir können unterscheiden, was wichtig ist und was warten kann. Verschiedene Möglichkeiten bleiben zugänglich und es fällt leichter, Prioritäten zu setzen.
In einem Zustand von Gefahr verengt sich dieser Blick eher. Die Aufmerksamkeit richtet sich stärker auf das, was dringend, riskant oder problematisch erscheint. Einzelne Aufgaben können mehr Gewicht bekommen. Fehler, Zeitdruck oder mögliche Schwierigkeiten treten stärker in den Vordergrund.
Und wenn unser System sich stärker in Richtung Rückzug oder Erstarrung organisiert, können Handlungsmöglichkeiten insgesamt kleiner erscheinen. Selbst vertraute Aufgaben können dann groß oder überwältigend wirken und es kann schwerfallen, überhaupt einen Anfang zu finden.
Wie die Grundzustände von Sicherheit, Gefahr und Lebensgefahr unser Erleben beeinflussen, beschreibe ich ausführlicher im Artikel Wozu sind Zustände da?
Unser Zustand beeinflusst, wie wir Aufgaben erleben und bewerten. Deshalb können dieselben Aufgaben in verschiedenen Zuständen unterschiedlich wirken.
Wie unser Zustand Verantwortung, Haltung und Beziehung beeinflusst
Doch unser Zustand beeinflusst noch mehr. Er beeinflusst auch, wie wir Verantwortung erleben, welche Haltung uns zugänglich ist und wie wir Beziehungen erleben und gestalten – drei Bereiche, die für Self-Leadership wesentlich sind.
Wie ich Self-Leadership insgesamt verstehe, beschreibe ich ausführlicher im Grundlagenartikel: Was Self-Leadership wirklich bedeutet – Selbstführung jenseits von Disziplin.
Schauen wir uns diese drei Bereiche etwas genauer an.
Wenn sich unser Erleben von Verantwortung verändert
Verantwortung hat eine tatsächliche und eine erlebte Seite.
Es gibt Aufgaben und Zuständigkeiten, für die wir tatsächlich verantwortlich sind. Gleichzeitig können wir uns in einem bestimmten Moment für weit mehr oder weniger verantwortlich fühlen.
Wie verantwortlich wir uns in einem bestimmten Moment fühlen, wird auch von unserem Zustand beeinflusst.
Ein Beispiel:
Maria sitzt an ihrem Schreibtisch, als ihre Chefin hereinkommt und sie fragt, ob sie zusätzlich die Vorbereitung für einen wichtigen Kundentermin übernehmen kann.
Kundentermine sind nicht meine Verantwortung, denkt Maria, wirft aber trotzdem einen Blick auf ihren übervollen Kalender.
Während Maria noch auf ihren Kalender schaut, erzählt ihre Chefin, dass zwei Kolleginnen schon seit Wochen krank sind und sie selbst die zusätzlichen Aufgaben nicht mehr auffangen kann.
Maria schaut auf und sieht die dunklen Ringe unter den Augen ihrer Chefin. Sie wirkt erschöpft. Eine Enge breitet sich in Marias Brust aus. Sie spürt Mitleid mit ihr.
Der Gedanke, dass die Vorbereitung nicht ihre Verantwortung ist, tritt in den Hintergrund. Die Entlastung ihrer Chefin wird wichtiger.
An Marias tatsächlicher Verantwortung hat sich während dieses Gesprächs wenig verändert. Verändert hat sich, wie verantwortlich sie sich für die Entlastung ihrer Chefin fühlt.
In einem Zustand von Sicherheit kann es leichter sein, die eigene Verantwortung, die Verantwortung anderer Menschen und gemeinsam getragene Verantwortung voneinander zu unterscheiden.
Unter Druck kann diese Unterscheidung schwieriger werden. Verantwortung kann sich dann größer anfühlen. Wir fühlen uns vielleicht für die Stimmung im Team verantwortlich, möchten Schwierigkeiten anderer auffangen oder übernehmen Aufgaben, die eigentlich nicht zu unserer Zuständigkeit gehören.
In einem Zustand von Rückzug oder Erstarrung kann die eigene Verantwortung dagegen stärker in den Hintergrund treten.
Unsere tatsächliche Verantwortung kann gleich bleiben. Doch mit unserem Zustand kann sich unser Verantwortungsgefühl verändern.
Wenn sich unsere Haltung verändert
Mit unserem Zustand kann sich auch unsere Haltung verändern, also wie wir uns zu uns selbst, zu anderen Menschen und zu einer Situation positionieren.
Bei Maria zeigt sich das ebenfalls. Zu Beginn des Gesprächs nimmt sie ihre eigene Belastung ernst. Ihr Kalender ist voll und für die zusätzliche Aufgabe ist kaum noch Platz.
Als sie die Erschöpfung ihrer Chefin wahrnimmt und sich ihr eigener Zustand verändert, verändert sich auch ihre Haltung gegenüber ihrer eigenen Belastungsgrenze. Die Entlastung ihrer Chefin rückt in den Vordergrund, während ihre eigene Belastungsgrenze an Bedeutung verliert.
Die Haltung, aus der heraus wir einer Situation begegnen, steht in enger Verbindung mit unserem Zustand.
Wenn ausreichend Sicherheit zugänglich ist, können wir häufig mehrere Seiten einer Situation gleichzeitig berücksichtigen. Wir können die Bedürfnisse anderer wahrnehmen und zugleich unsere eigenen Grenzen, Werte und Prioritäten im Blick behalten.
In einem Zustand von Gefahr können andere Haltungen stärker in den Vordergrund treten. Vielleicht wird es wichtiger, einen Konflikt zu vermeiden, Erwartungen zu erfüllen, Kontrolle zu behalten oder die eigene Position zu verteidigen.
In einem Zustand von Rückzug oder Erstarrung kann es wiederum schwerer werden, Zugang zu einer eigenen Position zu finden. Was wir selbst wollen, brauchen oder vertreten möchten, kann dann stärker in den Hintergrund treten.
Unser Zustand beeinflusst, welche Haltung uns gegenüber uns selbst, anderen Menschen und einer Situation in einem bestimmten Moment zugänglich ist.
Wenn wir andere Menschen anders erleben
Auch Beziehungen erleben wir aus einem bestimmten Zustand heraus.
Andere Menschen beeinflussen unseren Zustand. Gleichzeitig beeinflusst unser Zustand, wie wir andere Menschen wahrnehmen.
Bei Maria wird das ebenfalls deutlich.
Zu Beginn des Gesprächs erlebt sie ihre Chefin vor allem als die Person, die sie um die Übernahme einer zusätzlichen Aufgabe bittet.
Als Maria die dunklen Ringe unter ihren Augen sieht und hört, dass sie die zusätzliche Arbeit kaum noch auffangen kann, verändert sich ihr Blick auf sie. Die Erschöpfung ihrer Chefin tritt stärker in den Vordergrund. Gleichzeitig bekommt die Möglichkeit, sie durch eine Ablehnung zusätzlich zu belasten oder zu enttäuschen, mehr Gewicht.
Mit Marias Zustand verändert sich also auch, welche Signale ihrer Chefin für sie besonders bedeutsam werden und wie sie die Beziehung in diesem Moment erlebt.
Ähnliches kann in vielen Situationen geschehen.
Ein knapper Tonfall kann in einem Zustand der Sicherheit einfach als Eile wahrgenommen werden und in einem Zustand von Gefahr wie Kritik wirken.
Eine Nachfrage kann einmal wie echtes Interesse erscheinen und ein anderes Mal wie Zweifel an der eigenen Kompetenz.
Ein schweigendes Gegenüber kann neutral wirken oder plötzlich Unsicherheit auslösen.
Mit unserem Zustand verändert sich, wie wir uns selbst erleben und welche Signale wir in Beziehungen besonders wahrnehmen, welche Bedeutung wir ihnen geben und wie sicher oder unsicher sich Kontakt in diesem Moment anfühlt.
Wenn wir unseren Zustand in die Selbstführung einbeziehen
Wenn unser Zustand beeinflusst, wie wir Verantwortung erleben, welche Haltung uns zugänglich ist und wie wir andere Menschen wahrnehmen, bekommt auch die Wahrnehmung unseres eigenen Zustands für Self-Leadership eine besondere Bedeutung.
Für Self-Leadership ist diese Frage vielleicht wesentlich: Aus welchem Zustand heraus nehme ich diese Situation gerade wahr?
Unser Zustand beeinflusst, wie wir uns und die Welt um uns herum erleben, wofür wir uns verantwortlich fühlen, welche Haltung wir einnehmen und wie wir Beziehungen gestalten.
Die Fähigkeit, den eigenen Zustand wahrzunehmen, kann so zu einem wesentlichen Element von Self-Leadership werden.
Jeder Zustand macht andere Fähigkeiten zugänglich
Für Self-Leadership brauchen wir keinen bestimmten Zustand. Jeder Zustand bringt besondere Qualitäten in Self-Leadership ein.
Ein Grundzustand der Gefahr kann in einer Situation genau die Energie liefern, die gerade gebraucht wird. Unsere Aufmerksamkeit ist fokussierter. Entscheidungen werden schneller getroffen. Wir können Grenzen setzen und entschiedener auf Herausforderungen reagieren.
Ein Grundzustand der Sicherheit macht andere Fähigkeiten leichter zugänglich. Unser Blick kann weiter werden. Wir können unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen, Zusammenhänge erfassen, Zwischentöne wahrnehmen und uns gleichzeitig mit uns selbst und anderen Menschen verbunden erleben.
Auch ein Grundzustand der Lebensgefahr bringt eigene Qualitäten mit sich. Er kann den Blick stärker darauf richten, was gerade zu viel ist, wo Grenzen erreicht sind und was wir brauchen, um uns zu schützen und für uns zu sorgen.
Welcher Zustand uns in einer Situation unterstützt, hängt auch davon ab, was diese Situation gerade von uns verlangt.
Zustandsbewusstsein kann dabei helfen, wahrzunehmen, welche Fähigkeiten uns in einem bestimmten Zustand gerade leichter zugänglich sind und welche eher in den Hintergrund treten.
Ein Blick auf das Wesentliche
Unser Zustand beeinflusst, wie wir Situationen wahrnehmen, Verantwortung erleben, Haltung einnehmen und Beziehungen gestalten.
Zustandsbewusstsein kann uns helfen wahrzunehmen, aus welchem Zustand heraus wir uns gerade führen und welche Möglichkeiten uns darin zugänglich sind.
Dabei gibt es keinen Zustand, der für Self-Leadership immer der richtige ist. Unterschiedliche Situationen brauchen unterschiedliche Formen von Aufmerksamkeit, Energie und Handlungsfähigkeit.
Die nächste Frage
Wenn unser Zustand beeinflusst, wie wir uns selbst wahrnehmen, stellt sich eine weitere Frage:
Wie beeinflusst er, wie kompetent und sicher wir uns selbst erleben?
Und welche Bedeutung hat das für das Imposter-Syndrom?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich der nächste Artikel dieser Serie.










